Siemens Healthineers:Von Erlangen nach Palo Alto

Siemens Healthineers: Die Firmenzentrale von Varian soll vorerst im Silicon Valley bleiben.

Die Firmenzentrale von Varian soll vorerst im Silicon Valley bleiben.

(Foto: mauritius images/Sundry Photography/Alamy)

Siemens Healthineers ist an der Börse schon fast so viel wert wie BASF, Daimler oder die Deutsche Post. Nun kauft die Firma für viel Geld in den USA ein.

Von Caspar Busse und Thomas Fromm

Während des strikten Corona-Lockdowns war Bernd Montag, 51, sehr viel zu Hause. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens Healthineers saß dann meist vor einem aufgeräumten Bücherregal in seinem Haus in Bamberg und bestritt eine Videokonferenz nach der anderen. Dabei fiel gar nicht auf, dass der schmale Mann in Wirklichkeit zwei Meter fünf groß ist. Montag spielte einst Basketball in der Bundesliga und in der Junioren-Nationalmannschaft. Der Verein, für den er lange aktiv war, heißt heute Brose Bamberg. Privat wohnt Montag, der in München geboren ist und dort aufwuchs, deshalb noch immer in Oberfranken. Und von hier aus fädelte er auch die für Siemens bisher größte Übernahme ein.

Am vergangenen Sonntag gaben Montag und Finanzvorstand Jochen Schmitz den Kauf des US-Konzerns Varian für 16,4 Milliarden Dollar bekannt, umgerechnet rund 14 Milliarden Euro. Das börsennotierte Unternehmen aus Kalifornien ist auf Krebsforschung und -therapien spezialisiert. Man wolle helfen, die Menschheit von dieser Geißel zu befreien, sagte Montag am Sonntag - in auffällig ruhigem, beinahe pastoral anmutendem Duktus. Aber so ist Montag. Der promovierte Physiker mag es zurückhaltend, in der Öffentlichkeit tritt er ohnehin nur dann auf, wenn es sein muss. "Jeder Chef kann eine ganz besondere Krankheit haben, nämlich die: Er ist geblendet von der Größe und Breite seines eigenen Unternehmens", sagte er im SZ-Interview vor einigen Wochen. Dagegen habe er aber Antikörper. In der Tat unterscheidet sich Montag dabei von vielen anderen Managern.

Übrigens auch bei Siemens. Seit 2018 ist Siemens Healthineers als eigenständiges Unternehmen an der Börse notiert, Siemens ist nach wie vor der bestimmende Großaktionär. Montag fing 1995 bei Siemens an, 2015 wurde er Vorstandschef der Medizintechnik-Sparte und bereitete den Börsengang vor. Die Tochtergesellschaft mit Sitz in Erlangen und rund 53 000 Mitarbeitern in mehr als 70 Ländern ist inzwischen der weltweit größte Hersteller von Geräten wie Computertomografen, Ultraschallsystemen oder Röntgenanlagen - und gilt als erfolgreicher als die langjährigen Konkurrenten Philips oder General Electric (GE). Der geplante Kauf von Varian soll nun noch einen entscheidenden Schub bringen.

Die Medizintechnik-Branche profitierte von der Corona-Pandemie

Ohnehin profitierte die Medizintechnik-Branche in den vergangenen Monaten von der weltweiten Corona-Pandemie. Dabei gingen nicht nur die Aktienkurse nach oben, weil die Anleger plötzlich die Gesundheitsindustrie bevorzugten. Auch die Bedeutung der Branche wurde auf einmal vielen klar. Siemens Healthineers etwa bietet unter anderem auch Corona-Tests an.

Trotzdem ist der Kaufpreis, der nun für Varian gezahlt werden soll, durchaus sehr hoch. Das Unternehmen setzte im vergangenen Geschäftsjahr rund 3,2 Milliarden Dollar um und erzielte eine operative Marge von 17 Prozent. Die Varian-Aktionäre erhalten im Vergleich zum Schlusskurs Ende vergangener Woche einen Zuschlag von 25 Prozent. Einige Analysten lobten aber den Kauf als "klugen Schachzug", die Geschäfte würden sich gut ergänzen. Andere wiederum erinnerten an den Kauf der amerikanischen Energiefirma Dresser-Rand, die auch als zu teuer kritisiert worden war und sich für Siemens als Fehlschlag erwies. Die Aktie von Siemens Healthineers verlor am Montag sechs Prozent, Siemens legte zu.

Die Milliarden-Übernahme wäre wohl kaum möglich gewesen, wenn die Medizintechnik-Sparte noch Teil des alten Siemens-Konglomerats gewesen wäre. "Ein Börsengang bringt neue Energie und mehr Freiheit", sagte Montag. Das Unternehmen hat durch den Börsengang mehr Handlungsspielraum erhalten. Siemens will seiner Tochterfirma zunächst Geld für den Kauf leihen, dann ist bei Siemens Healthineers eine Kapitalerhöhung geplant, voraussichtlich im Spätsommer oder Herbst.

Da Siemens bei der Kapitalerhöhung nicht mitmachen werde, wird der Anteil an Siemens Healthineers verwässert, voraussichtlich von derzeit 85 Prozent auf dann 72 Prozent. Das hat aus Sicht der Erlangener einen durchaus positiven Nebeneffekt, denn dadurch steigt der Anteil der außenstehenden Aktionäre. Das wiederum erhöht das Gewicht von Siemens Healthineers und damit auch die Wahrscheinlichkeit, in den Dax-30 aufzusteigen. Derzeit ist Healthineers an der Börse mehr als 40 Milliarden Euro wert und damit fast so viel wie BASF, Daimler oder die Deutsche Post.

Ende September wird der Siemens-Mutterkonzern zudem die Energiesparte unter dem Namen Siemens Energy abspalten, und dann deutlich weniger als 50 Prozent an dem Unternehmen halten. Auch dieses wird als ein möglicher Kandidat für den Dax-30 gehandelt. Im kommenden Jahr könnten damit dann drei Siemens-Unternehmen unter den 30 größten börsennotierten Konzernen sein. Zum Dax-30 gehört übrigens auch Infineon, der ehemaligen Halbleiterbereich von Siemens, der vor 20 Jahren abgespalten wurde und schon lange komplett unabhängig ist.

Varian hat in der Krebserkennung zurzeit einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Siemens Healthineers wird also in diesem Bereich auf einen Schlag auch zu einem der Großen. Das Hauptquartier der Firma, die 1948 gegründet wurde und etwa 10 000 Beschäftigte hat, soll im kalifornischen Palo Alto bleiben. Doch das Milliardengeschäft birgt in diesen Tagen auch noch eine Unsicherheit. Was, wenn US-Präsident Donald Trump zu dem Ergebnis kommen sollte, dass Varian von nationalem Interesse ist und das Thema ans Weiße Haus heranzieht? Dann könnten Auflagen oder gar eine Untersagung drohen. Andere deutsche Firmen mussten so etwas bereits erfahren. Es bleibe ein Restrisiko, mahnen Insider.

© SZ vom 04.08.2020
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