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Siemens-Affäre: Ex-Vorstand Jung redet:"Ich will nach Hause"

Gefangen im Urlaubsparadies: Wegen des Schmiergeldskandals darf der Ex-Siemens-Vorstand Jung Griechenland nicht verlassen. Erstmals äußert sich ein beteiligter Manager öffentlich über die Affäre im Weltkonzern.

Jahrelang haben die alten Siemens-Vorstände nach dem Schmiergeldskandal in ihrem Konzern geschwiegen. Jetzt redet erstmals einer von ihnen offen und ausführlich über die größte Korruptionsaffäre in der deutschen Wirtschaft und deren Folgen für ihn persönlich. Volker Jung gehörte mehr als ein Jahrzehnt dem Zentralvorstand von Siemens an. Seit bald eineinhalb Jahren wird er Griechenland festgehalten, weil er dort angeblich in die Bestechung von Parteien und Unternehmen verwickelt gewesen sein soll - was er abstreitet.

Volker Jung,Volker Jung

Volker Jung wird von den griechischen Ermittlungsbehörden festgehalten.

Der 71-jährige Rentner lebt mit seiner Frau auf der Insel Paros in der Ägäis, wo er ein Haus mit Swimmingpool besitzt. Warum er aus der Sonne unbedingt zurück in die Heimat will, was er bei Siemens erlebte, warum er dort Kontaktmann zum Bundesnachrichtendienst war, und was er über die Krise in Griechenland denkt, erzählte Jung in einem Cafe auf Paros der Süddeutschen Zeitung und der griechischen Zeitung Kathimerini. Das schmackhafte Gebäck in dem Cafe rührte der frühere Top-Manager übrigens nicht an. Er leidet an einer seltenen Darm-Krankheit.

SZ: Herr Jung, viele Leute würden gerne mit ihnen tauschen. Das Leben auf Paros muss doch ein Traum sein.

Volker Jung: Es kann hier im Sommer noch so schön sein, aber ich will einfach nach Hause. Mir fehlt die Heimat. Als ich jetzt im Fernsehen das Oktoberfest gesehen habe, da wäre ich am liebsten dabei gewesen. Dabei bin ich eigentlich ein Oktoberfestmuffel.

SZ: In Deutschland war der Sommer zuletzt ziemlich kühl, hier kann man das halbe Jahr im Meer baden und fast das ganze Jahr draußen essen. Was zieht Sie zurück?

Jung: Es ist ein Irrglauben, dass es so schön wäre, den Winter in der Ägäis zu verbringen. Der vergangene Winter war schlimm, extrem stürmisch, kalt und feucht. In unserem Haus, das für den Sommer gebaut ist, gibt es keine Heizung. Und es hat durch alle Ritzen gezogen. Das brauche ich nicht noch einmal.

SZ: Warum stellen Sie nicht einfach Heizkörper auf? Dann ist es auch im Winter gemütlich.

Jung: Sobald wir mehr als zwei Heizkörper einschalten, haut es die Sicherungen hinaus, weil die Leitungen zu schwach sind. Man müsste alle Stromleitungen zum Haus und im Haus neu verlegen, das geht gar nicht. Und im Winterhalbjahr ist es hier furchtbar langweilig. Unsere Siedlung ist ausgestorben, die Dörfer sind ziemlich leer, fast alle Tavernen haben zu, es ist nichts los hier. Paros ist im Winter tot.

SZ: Fürchten Sie sich vor dem kommenden Winter?

Jung: Ich hoffe, dass ich jetzt endlich gehen darf. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat zusammen mit US-Anwälten, die Siemens als interne Ermittler eingesetzt hat, jeden Stein bei Siemens umgedreht. Inzwischen hat mir die Staatsanwaltschaft bescheinigt, dass nichts gegen mich vorliegt. Ich bin unschuldig. Das wissen die Griechen.

SZ: Das hindert die Justiz hier nicht daran, Sie weiter festzuhalten. Warum?

Jung: Die Athener Ermittler und das Parlament wollen von mir wissen, welche Politiker und Geschäftsleute in Griechenland Geld von Siemens bekommen haben. Der Chef des parlamentarischen Untersuchungsausschusses hat laut griechischer Presse sogar gesagt, ansonsten hätte ich keine Gnade zu erwarten. Ich weiß aber nichts, ich kenne keine Namen. Auch die von Siemens beauftragten US-Anwälte konnten keine Namen ermitteln, trotz monatelanger Untersuchungen in Griechenland.

SZ: Sie waren von 1999 bis 2003 Präsident des Verwaltungsrats von Siemens Hellas, in einer Zeit, als Siemens nach Erkenntnissen aller Ermittler Staatsfirmen und Parteien in Griechenland kräftig geschmiert hat. Davon wollen Sie nichts mitbekommen haben?

Jung: Ich habe zwei Verwaltungsratssitzungen im Jahr geleitet, die jeweils nur ein paar Stunden dauerten, das war es. Die Griechen verwechseln da etwas. Hier ist der Präsident einer Firma der Patron, der jeden Tag da ist und alles weiß. Ich war nicht der Patron. Ich hatte mit dem Tagesgeschäft nichts zu tun.

SZ: Was war denn dann Ihr Job?

Jung: Ich habe im Zentralvorstand von Siemens mehrere Geschäftsbereiche betreut, und ich war für alle Siemens-Gesellschaften in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, des Nahen und Mittleren Ostens und in Afrika zuständig. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat übrigens herausgefunden, dass schon lange vor meiner Zeit als Verwaltungsratschef in Athen und auch lange danach Gelder nach Griechenland geflossen sind. Man weiß offenkundig nur nicht, wohin.