Siemens: Ex-Vorstand Volker Jung Inselarrest im Mittelmeer

Griechenland hält den ehemaligen Siemens-Vorstand Volker Jung seit fast einem Jahr fest - obwohl in der Schmiergeldaffäre nichts gegen ihn vorliegt.

Von Klaus Ott

Die Bewohner von Paros, einer beschaulichen Insel in der Ägäis, erleben jetzt die schönste Jahreszeit dort. Nach den manchmal eisigen Winterstürmen ist es nun angenehm warm, aber noch nicht so heiß wie im Sommer. Ein bunter Blumenteppich, der herrlich duftet, überzieht fast das ganze Eiland, das zu Griechenland gehört. Doch ein Rentner aus dem Münchner Vorort Grünwald, der an der Südküste ein Haus mit Blick auf das Meer besitzt, kann das alles nicht so richtig genießen.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Volker Jung wird seit fast einem Jahr von der griechischen Justiz festgehalten.

(Foto: Archivfoto: dpa)

Volker Jung, ehemaliges Vorstandsmitglied der Siemens AG, ist ein verbitterter alter Mann. Gegenüber Vertrauten beklagt sich der 70-Jährige mit heftigen Worten über sein Schicksal. Ihm geschehe in Griechenland großes Unrecht, er werde "unmenschlich" behandelt, er sei krank und mit seinen Nerven manchmal fast am Ende.

Beweise gibt es keine

Jung wird seit fast einem Jahr von der Athener Justiz wegen seiner angeblichen Verwicklung in den weltweiten Schmiergeldskandal bei Siemens festgehalten; er darf das Land nicht verlassen. Der Rentner aus Deutschland muss sich regelmäßig bei der Polizei auf Paros melden. Jung war bei Siemens vor seinem Ausscheiden im September 2003 auch für Griechenland zuständig gewesen, und der Konzern hat in Athen für lukrative Geschäfte viel Schmiergeld gezahlt. Beweise gegen den früheren Siemens-Vorstand, der acht Jahre lang zudem Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie war, gibt es aber keine. Im Gegenteil.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat die Münchner Staatsanwaltschaft Jung ausdrücklich bescheinigt, dass kein Korruptionsverdacht gegen ihn vorliege. Bei den Ermittlungen habe sich nicht nur nichts Belastendes gefunden. Wichtige Zeugen hätten ihn sogar entlastet, teilte die Staatsanwaltschaft einem seiner Anwälte auf dessen Bitte hin mit.

Doch die griechische Justiz lässt sich davon nicht beeindrucken. Das nach einer Vernehmung Anfang Juni 2009 in Athen verhängte Ausreiseverbot, das einem Inselarrest gleichkommt, bleibt bestehen. Diplomatische Verwicklungen sind die Folge, und das in einer Zeit, in der das deutsch-griechische Verhältnis wegen des drohenden Bankrotts des Landes ohnehin belastet ist. Die Bundesregierung in Berlin setzt sich für Jung ein. "Das Außen- und das Justizministerium sind entsprechend tätig geworden", sagt Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP).

Zeil hat sich der Sache angenommen, weil er einem "bayerischen Mitbürger" helfen wolle. Das Verfahren gegen Jung ziehe sich schon über einen "sehr langen Zeitraum hin", und das bisher ohne jedes Ergebnis, klagt der Minister. Zeil hat deshalb in Berlin die von seinen Parteifreunden Guido Westerwelle und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger geleiteten Ressorts für Äußeres und Justiz eingeschaltet.

"Rechtsstaatlich in keiner Weise in Ordnung"

Auch aus Kreisen der Union gibt es viel Zuspruch für Jung. Dafür hat vor allem Otto Wiesheu (CSU) gesorgt, der früher als bayerischer Wirtschaftsminister viel mit Siemens zu tun hatte. Wiesheu sagt, was in Griechenland geschehe, sei "rechtsstaatlich in keiner Weise in Ordnung, das ist nicht akzeptabel". Innerhalb der Europäischen Union müsse doch gewährleistet sein, dass es mit rechten Dingen zugehe. Wenn sogar die Münchner Staatsanwaltschaft Jung bescheinige, dass gegen ihn nichts vorliege, dann sei es "absolut unverständlich, was hier abläuft", schimpft Ex-Minister Wiesheu.

Ein Manager als Faustpfand

Die Interventionen aus Deutschland führen offenbar dazu, dass die griechische Justiz den Ex-Siemens-Manager erst recht behalten will. Ein Bekannter Jungs erzählt, diesem sei aus Athen mitgeteilt worden, "wenn Sie Ihren Aufenthalt bei uns verlängern wollen", dann solle er weiter politische Hilfe aus der Heimat organisieren. Die griechische Justiz schweigt dazu. Die zuständige Staatsanwältin in Athen äußert sich nicht. Man solle doch Jungs Anwälte fragen, sagt sie. Seine Anwälte sagen, gegen ihren Mandanten liege nichts vor. Mehr sagen sie nicht, um kein Öl ins Feuer zu gießen.

Die Ermittlungen in Athen gegen den ehemaligen Konzern-Vorstand beruhen vor allem auf dem Umstand, dass Jung einst Aufsichtsratschef der Landesgesellschaft von Siemens in Griechenland war und als solcher nach Ansicht der Ankläger von der Bestechung gewusst haben müsste. Bislang ist das nur eine Annahme, bewiesen ist nichts. Als die Staatsanwaltschaft in Athen ihn Anfang Juni 2009 zur Vernehmung vorlud, war der pensionierte Manager so ehrenhaft und zugleich naiv, dass er kam; und anschließend festgesetzt wurde. Ehemalige Siemens-Manager aus Griechenland waren derweil geflohen, unter anderem nach Deutschland. Die griechische Presse vermutete, Jung werde in Athen als Faustpfand behalten, um die Auslieferung eines in Bayern gefassten Managers aus Athen zu erzwingen, der bis heute nicht zurückgekehrt ist. Inzwischen glauben auch manche Politiker in Deutschland, dass dem so sei.

Jung leidet an einer seltenen Krankheit, er braucht bestimmte Nahrungsmittel, die es in Griechenland nicht gibt. Und er hat ein Rückenleiden, für das er spezielle Medikamente benötigt. Seine Frau fliegt regelmäßig nach Deutschland, um Lebens- und Arzneimittel zu besorgen. Das Haus auf Paros hat keine Heizung, es ist nur für die Sommeraufenthalte gedacht. Seinen 70. Geburtstag hat Jung Ende vergangenen Sommer auf Paros statt in München gefeiert, wegen des Inselarrests. Falls es so weitergeht, erlebt er dort auch zwangsweise den nächsten Geburtstag.