Selbstfahrende Autos:Auch computergelenkte Autos brauchen den Menschen

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A visitor looks at a Tesla Model S electric car at the Motorexpo in Canary Wharf, London

Der erste tödliche Unfall durch ein selbstfahrendes Auto verunsichert die Industrie. Vor allem der betroffene Hersteller Tesla wird sich nun rechtfertigen müssen.

(Foto: Marika Kochiashvili/Reuters)

Der tödliche Tesla-Unfall zeigt: Die Technologie wurde jahrelang überschätzt. Dennoch wäre sie ein Segen für die Menschheit.

Kommentar von Andrian Kreye

Bevor man sich Gedanken darüber macht, was der erste tödliche Unfall mit einem selbstfahrenden Auto bedeutet und ob Mensch oder Maschine die fatale Entscheidung getroffen hat, sollte man zunächst einmal einen Begriff klären. Maschinen fällen keine Entscheidungen. Maschinen (genauer gesagt Computer, weil das die einzigen Maschinen sind, denen man so etwas wie denken zutraut) führen Anweisungen aus. Die Entscheidungen fällen immer noch die Menschen. Interessant ist nur, an welchem Punkt eines maschinellen Vorgangs die Entscheidungsfähigkeit aufgegeben wird, weil man dem fehlerlosen Ablauf vertraut.

Vielleicht sollte man da gleich noch ein schiefes Bild klären - selbstfahrende Autos fahren ja nicht selbst im Sinne eines Fahrers. Weil auch der Begriff eigentlich nicht stimmt, denn jedes Fahrzeug ist dazu da, das Fahren zu leisten, der Mensch lenkt nur. Und dieses Lenken soll nun nach dem Willen vor allem kalifornischer Firmen wie Tesla und Google automatisiert werden. Dafür gibt es gute Gründe.

Da ist zum einen die Entwicklungsgeschichte jeder Technologie, die schon immer dazu da war, dem Menschen Arbeit abzunehmen. Dieses Grundprinzip galt für das Rad und den Hebel genauso wie für den Supercomputer und die Roboter, die er bewegt.

Beim motorischen Lernen sind Roboter noch Kleinkinder

Es gibt aber auch noch einen statistischen Grund, warum computergelenkte Autos ein Segen für die Menschheit wären. Der Mensch ist in der Funktionskette des privaten Nahverkehrs nämlich erwiesenermaßen das schwächste Glied. Weil er oft abgelenkt ist, müde oder gar betrunken. Über eine Million Menschen sterben laut Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr im Straßenverkehr. In den meisten Fällen durch menschliches Versagen. Der Lösungsfetischismus im Silicon Valley bekommt da allerdings einen unangenehmen, fast schon ideologischen Unterton. Wenn der Mensch das schwächste Glied dieser Kette ist, dann muss er eben weg. Das klingt nach digitaler Eugenik.

Jeder Unfalltod ist eine Tragödie. Experten des neuen Feldes der Roboter-Ethik werden den tödlichen Tesla-Unfall nun genau untersuchen. Ohne die Untersuchungsergebnisse zu kennen, kann man schon mal behaupten, dass Mensch und Maschine beide Schuld daran tragen. Die Maschine, weil der Sensor offensichtlich den weißen Lastwagen nicht erkannt hat. Der verunglückte Fahrer, weil er sich auf eine Technik verlassen hat, die jung und keineswegs ausgereift ist.

Es sind gerade die Maschinen, die dem Computer über die Schnittstelle der Mechanik erlauben, im wirklichen Leben zu agieren, die noch sehr am Anfang stehen. Niemand zweifelt an den gewaltigen Leistungen einer Künstliche-Intelligenz-Maschine wie Watson. Doch beim Laufen- und überhaupt motorischen Lernen sind die Maschinen noch Kleinkinder. Sie brauchen ständige Überwachung.

Nun kann man von jemandem, der ein Auto mit Fahrhilfen lenkt, nicht verlangen, dass er mental so fit ist wie Torwart Manuel Neuer. Der beherrscht es, in neunzig Minuten Spiel seine Höchstleistung auf die wenigen Sekunden einer Torchance zu komprimieren. Der Unfall zeigt deshalb, dass die Euphorie über neue Technologien der letzten Jahre zu einer chronischen Überschätzung ihrer Fähigkeiten geführt hat.

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