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Schuldneratlas 2020:Corona-Folgen treffen viele Menschen erst verspätet

Schuldnerberatung bei der Caritas: Fast 15 Millionen Haushalte müssen mit weniger Geld auskommen.

(Foto: Catherina Hess)

Für das kommende Jahr rechnen Experten mit deutlich mehr verschuldeten Privatpersonen. Während Gutverdiener sparen, müssen Geringverdiener Kredite aufnehmen.

Von Helena Ott

In der Corona-Pandemie bilden nicht nur die Infektionszahlen Wellen. Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen für Privathaushalte rauschen in Wellen heran. Die erste Welle ist schon da, viele Privathaushalte müssen wegen Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder nicht möglicher Arbeit in Selbständigkeit mit deutlich weniger Geld zurechtkommen.

Und die zweite Welle der finanziellen Folgen ist noch nicht mal angekommen. Im Oktober 2020 sind in Deutschland nicht mehr, sondern sogar knapp 70 000 Privatpersonen weniger als im Herbst 2019 überschuldet. Das zeigt der Schuldneratlas 2020 der Auskunftei Creditreform. Demnach ist weniger als jeder zehnte Bundesbürger überschuldet. Als überschuldet gilt, wer Rechnungen über einen längeren Zeitraum nicht bezahlen, Kredite mehrmals nicht bedienen kann oder Privatinsolvenz anmelden muss.

Vor allem zwei Gründe haben die Deutschen zunächst davor bewahrt, in die Schulden abzudriften: Der Staat zahlt Hilfen aus - und die Menschen sparen viel mehr. Aber die Prognose für das Jahr 2021 sieht schlecht aus, wenn es nach den Experten von Creditreform geht, die jährlich den sogenannten Schuldneratlas erstellen. Sie vermuten, dass die jetzige Phase einer "Ruhe vor dem Sturm" gleichkommt. Die Folgen der Pandemie werden für "Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher gravierender sein als die der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009", sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Die Sorge gilt vor allem jenen Menschen, die derzeit um ihre Jobs kämpfen. Seit Ausbruch der Pandemie haben laut Creditreform rund 700 000 Menschen zwischenzeitlich den Arbeitsplatz verloren, und mehr als sieben Millionen Menschen waren oder sind in Kurzarbeit. Nach Schätzungen der Wirtschaftsforscher kämpfen derzeit zudem zwei Millionen Freiberufler und Soloselbständige um ihre Existenz. Damit müssen fast 15 Millionen der deutschen Haushalte mit geringeren Einkommen zurechtkommen und trotzdem Miete zahlen, Kitagebühren überweisen und Lebensmittel einkaufen.

Vor allem Jobs im Niedriglohnbereich gingen verloren

Geringverdiener, die vor der Krise nichts oder nur wenig ansparen konnten, treffen die geringeren Einnahmen ungleich härter. Die Experten von Creditreform rechnen damit, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich durch die Pandemie weiter öffnet - auch in Bezug auf die Verteilung von Schulden und Vermögen. Im Frühjahr gingen vor allem Jobs im Niedriglohnbereich verloren - bei Taxiunternehmen oder in der Gastronomie. Es traf aber auch befristete Stellen von Berufseinsteigern und Minijobbern.

Gutverdiener dagegen wurden eher von Kurzarbeit aufgefangen oder behielten ihren vollen Verdienst. Anstatt sich zu verschulden, sparten sie. Warum? Sie gingen weniger einkaufen, besuchten weniger Kinos, Restaurants oder Konzerte, setzten vielleicht auch die Beiträge für Fitnessstudios aus und mussten Reisen stornieren. Die Folge: Die Sparquote hat sich im zweiten Quartal 2020 gegenüber dem Vorkrisenjahr fast verdoppelt. Vielen einkommensschwachen Haushalten brach dagegen ein erheblicher Teil des verfügbaren Einkommens weg - ohne das Polster eines gut gefüllten Sparkontos oder Wertpapierdepots im Rücken. Jene, die vor der Krise den Kontostand mühsam im Plus halten konnten, drohen nun langfristig ins Minus zu rutschen.

Mehr Menschen überschätzen ihre Einnahmen

Betrachtet man nicht nur die akuten Veränderungen durch die Corona-Krise, zeigt sich: Die Gründe, warum Menschen zahlungsunfähig werden, haben sich in den vergangenen zwölf Jahren verschoben. Durch die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt bis zum Frühjahr 2020 verschuldeten sich weit weniger Menschen durch Arbeitslosigkeit (Rückgang um 30 Prozent gegenüber 2008). Dafür ist eine "unwirtschaftliche Haushaltsführung", also eine Überschätzung des eigenen Budgets, in den vergangenen Jahren deutlich häufiger Grund für Schulden als noch 2008 - inmitten der Finanzkrise, in der ebenfalls viele von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen waren.

Ein relativ junges Phänomen, das die Wirtschaftsforscher von Creditreform beobachten, ist die stetig wachsende Zahl an langfristigen Geringverdienern. Seit 2015 zählt ein dauerhaft niedriger Verdienst zu einem der sechs Hauptgründe, warum Menschen ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, ohne Schulden zu machen. Der Ausbau der prekären Beschäftigungsverhältnisse in den vergangenen Jahren sei nun ein Grund, warum viele Menschen in der Krise keine Rücklagen mehr haben.

Altersarmut bringt mehr Rentner in Zahlungsnot

Die größten Schuldenmacher sind in Deutschland nach wie vor Menschen im Alter von 30 bis 40 Jahren. Unter ihnen ist fast jeder Sechste verschuldet. In dieser Lebensphase müssen sich viele noch mit Einstiegsgehältern und Befristungen herumschlagen, gleichzeitig schießen die Ausgaben durch den Bau eines Hauses oder eine Familiengründung nach oben. Je höher die Altersgruppe, desto geringer wird der Anteil an verschuldeten Menschen.

Doch der Schuldneratlas 2020 dokumentiert auch steigende Altersarmut: Während die Überschuldung in den jüngeren Altersgruppen in den vergangenen Jahren konstant leicht zurückging, stieg sie in der Altersgruppe 70-plus erneut um 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2013 hat sich damit die Gesamtzahl der Überschuldeten über 70-Jährigen mehr als verdreifacht.

Dahinter stecken Menschen, die nach Austritt aus dem Arbeitsleben und nach jahrelanger Kinderbetreuung Renten von weniger als 1000 Euro bekommen und am Ende des Monats nicht mehr genügend Geld für die Grundnahrungsmittel zur Verfügung haben. Im Vergleich zu jungen Leuten, die ihre Finanzen durch einen neuen festen Job wieder in den Griff bekommen können, bleiben alte Menschen häufig im "Überschuldungskarussell" verhaftet, heißt es bei Creditreform. Sie plädieren deshalb dafür, dass Bund, Länder und Kommunen künftig beispielsweise verstärkt in bezahlbaren Wohnraum und Angebote für die finanzielle Beratung von einkommensschwachen Familien investieren.

© SZ
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