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Alterssicherung:Unabhängigkeit von der Börse ist ein Glücksfall

Es ist ein Glücksfall, dass die gesetzliche Alterssicherung nicht vom Auf und Ab der Aktienkurse und Zinsen abhängt und niemand an ihr Geld verdient. Weder wenn der Beitrag eingezahlt, noch wenn die Rente ausgezahlt wird, kann irgendeine Bank, Versicherung oder Drückerkolonne Provisionen für sich abzweigen. Es gibt keine Gebühren, keine Werbung, die das Geld der Versicherten wegfrisst. Die Rentenversicherung mag wie eine angestaubte Behörde aus vergangenen Zeiten wirken, aber sie arbeitet effizient. Die Verwaltungskosten belaufen sich auf 1,4 Prozent ihrer Gesamtausgaben. Bei Riester-Verträgen können sie um ein Vielfaches höher sein. Da sind schnell nur für den Abschluss mehr als 3000 Euro weg. Einfach so.

Auch die Renditen der Rentenversicherung können sich sehen lassen: Gewiss, das Geld der Beitragszahler wird nicht langfristig angelegt. Daraus wird ja Monat für Monat das Altersgeld für die Rentnergeneration bezahlt. Modellrechnungen zeigen aber, dass ein Versicherter, der 45 Jahre lang zum jeweiligen Durchschnittslohn (derzeit 3022 Euro monatlich) gearbeitet hat und durchschnittlich lang lebt, auf eine Rendite von drei Prozent kommt. Nun wird die hochgerechnete Verzinsung der Altersrenten für die jüngeren Jahrgänge zurückgehen. Dennoch sind die Renditen beachtlich, erst recht gemessen an den Mini-Erträgen, die heute in der Niedrigzinsphase sichere Kapitalanlagen abwerfen.

Illustration: Stefan Dimitrov

Arbeitgeber steuert Geld bei

Der reine Rendite-Vergleich greift aber viel zu kurz. Die Rentenversicherung ist eine All-inclusive-Versicherung und bietet Zusatzleistungen, die als Komplettpaket bei einem privaten Versicherer so viel Geld kosten würden, dass dies für die allermeisten Kunden unbezahlbar wäre. So erhalten Rentner Zuschüsse zur Krankenversicherung. Aus dem Rententopf werden medizinische und berufliche Reha-Maßnahmen finanziert. Es gibt Waisen- und Witwen-/Witwer-Renten für Hinterbliebene und einen Schutz bei Erwerbsunfähigkeit, wenn auch die Bezüge für diese unfreiwilligen Frührentner meist nicht über ein paar Hundert Euro hinausgehen.

Während der Versicherungsmarkt beim Thema Berufsunfähigkeit versagt, gibt es bei der Rentenversicherung alles für einen Beitrag, zu dem Arbeitgeber normalerweise auch noch die Hälfte zusteuern. So olle und schlecht ist die gute alte Rente gar nicht.

Außerdem hat sie den unschätzbaren Vorteil, dass jeder Arbeitnehmer immer einzahlen muss. Bei den Lebensversicherungen wird jede Zweite gekündigt. In fast ein Fünftel der Riester-Verträge wird kein Geld mehr eingezahlt. Auch deshalb steht die private Zusatzvorsorge auf wackligem Boden. Rentenansprüche darf hingegen keiner vorzeitig verfrühstücken.

Hinzu kommt ein anderer Vorzug, der oft übersehen wird: Die Alten werden nicht von der Entwicklung des Wohlstands im Lande abgekoppelt. Wie sich die gesetzliche Rente entwickelt, hängt von den Löhnen ab. Gehen diese nach oben, gibt es - wie in diesem Jahr - auch deutliche Rentenerhöhungen. Das bietet den Ruheständlern einen gewissen Schutz vor der Inflation, auch wenn es in schlechten Jahren wie im vergangenen Jahrzehnt zu Kaufkraftverlusten kommen kann.

Klar, alle diese Vorzüge ändern nichts daran, dass kaum jemand von der gesetzlichen Rente allein wird leben können, ohne seinen Lebensstandard im Ruhestand einschränken zu müssen. Das war schon immer so, wird aber eher schlimmer. Und auch klar: Es sieht so aus, als ob immer weniger junge Menschen mehr Alte finanzieren müssen. Deshalb gibt es den Generationenausgleich: Die Rentenbeiträge für die Jüngeren sollen einigermaßen stabil bleiben, zugleich wird das Rentenniveau, das Verhältnis der Rente zum Lohn eines langjährigen Durchschnittsverdieners, gesenkt. Aber wird die Rente deshalb langfristig zur Luftnummer?

Die Deutschen lieben Horrorszenarien. Wenn sich Dinge verändern, glauben sie gern, es könnte sich nur zum Schlechten wenden. Diese "German Angst" gibt es auch bei der Rente. Wir sollten aber nicht allzu schwarz malen. Die Rentenversicherung ist nicht dem Untergang geweiht.

Deutschland stirbt nicht aus. Die Bevölkerung ist von 60 auf 81 Millionen gewachsen, trotz Weltkriegen und Pillenknicks. Die Bundesrepublik wird mehr und mehr zum Einwanderungsland mit jungen Zuwanderern, die die "Vergreisung" der Bevölkerung abmildern. Ja, es bricht jetzt eine schwierige Phase an, weil in den nächsten 15 Jahren 20 Millionen aus der Generation der Babyboomer in den Ruhestand gehen. Die Sozialsysteme geraten deshalb finanziell unter Druck. Aber von 2045 an wird sich die Situation wieder entspannen.

Viele wollen länger arbeiten

Es ist auch dumm, alt automatisch mit gebrechlich, unproduktiv oder teuer gleichzusetzen. Die Lebenserwartung steigt, die Menschen leben länger, aber sie bleiben im Alter fitter, gesünder und leistungsfähiger. Viele wollen länger arbeiten, weil sie nicht depressiv wie Jack Nicholson im Kinostreifen "About Schmidt" werden oder ihre Ehefrauen nerven wollen wie Loriot in "Pappa ante Portas".

Trotzdem hat die Rente ein akutes Problem: Die Altersarmut wird zunehmen. Das ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass das Rentenniveau von knapp 48 Prozent eines Durchschnittsgehalts bis auf etwa 44 Prozent im Jahr 2030 sinkt. Es liegt am Wandel der Arbeitswelt. Deutschland hat Millionen Geringverdiener, Minijobber, Hartz-IV-Empfänger und Solo-Selbständige mit eher mageren Einkommen, die zu geringe oder keine Rentenansprüche erwerben. Selbst einer, der 45 Jahre zum Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde arbeitet, wird als Rentner zum Sozialamt müssen. Das gilt auch für die neuen Internet-Worker, die sich ohne feste Anstellung von Projekt zu Projekt durchhangeln, ohne viel für ihre Altersvorsorge zu tun.

Die Vorstellung, man müsse nur das Rentenniveau um ein paar Punkte erhöhen, also Geld mit der Gießkanne verteilen und schon ist diesen Menschen geholfen, ist jedoch ein Irrglaube. Außer ein paar Euro mehr für jeden, die den Beitrags- oder Steuerzahler Milliarden kosten werden, springt dabei nichts heraus. Die Altersarmut bei wirklich Bedürftigen bleibt, wofür die Rentenversicherung aber nichts kann.

Was also tun? Der Schlüssel liegt woanders: Deutschland braucht eine florierende Wirtschaft, ein flexibles Rentenalter, steigende Einkommen, fleißige Zuwanderer, Ganztagsschulen und viele Milliarden für die Bildung, damit junge Menschen nicht von der Schule ohne Abschluss gehen oder keinen Beruf erlernen. Wer in jungen Jahren lange von der Hand in den Mund oder von Hartz IV lebt, wird auch im Alter auf staatliche Hilfe angewiesen sein. Nötig ist vielleicht auch eine steuerfinanzierte Mindestrente für langjährig Versicherte.

Grabreden auf die gesetzliche Altersversorgung aber können wir uns sparen.

Reicht die Rente in Zukunft zum Leben? Wie kann ich zusätzlich vorsorgen? Wie ändert sich das Leben alter Menschen? Die neue SZ-Serie "Unsere Zukunft, unsere Rente" beschäftigt sich mit den wichtigsten Aspekten des Ruhestands.

© SZ vom 09.07.2016

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