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Russland:Familienbande

Freunde fürs Leben: Links Boris Rotenberg, der jüngere Bruder, rechts Arkadij Rotenberg, der ältere, und in der Mitte Wladimir Putin, der russische Präsident, mit dem die beiden seit Jahrzehnten so eng sind wie sonst kaum jemand.

(Foto: Imago/Alexander Nemenov/AFP, Bearbeitung: SZ (Montage))

Die Brüder Rotenberg gehören zu Putins innerstem Zirkel. Trotz Sanktionen machen sie gute Geschäfte, offenbar auch mithilfe ihrer Brüder - und der Deutschen Bank.

Von Mauritius Much

Als der Westen nach Russlands Annexion der Krim 2014 den innersten Zirkel um Präsident Wladimir Putin mit Sanktionen bestrafen wollte, traf es als erstes Arkadij und Boris Rotenberg. Aus guten Gründen: Die beiden sind sozusagen die Definition von Putins innerstem Zirkel. Die Brüder und Putin lernten sich schon in den 1960er-Jahren im heutigen St. Petersburg kennen, in einer Jugendgruppe; später waren sie Trainingspartner beim Judo. Noch heute spielen die drei Sportfreunde immer mal wieder zusammen Eishockey.

Nach dem Amtsantritt ihres Jugendfreundes als Präsident Russlands im Jahr 2000 stiegen die Rotenbergs innerhalb von wenigen Jahren in die Riege der reichsten Oligarchen des Landes auf, Arkadij, 68, und Boris Rotenberg, 63, bekamen Staatsaufträge in Milliardenhöhe. Jeder in Russland versteht: Wer die Rotenbergs bestraft, bestraft den Kreml. Die beiden Oligarchen dürfen nicht mehr in die USA reisen, amerikanische Firmen dürfen mit ihnen keine Geschäfte mehr machen. Arkadij Rotenberg darf auch nicht mehr in die EU, außerdem ließ die EU ein Luxushotel und Villen des Oligarchen in Italien beschlagnahmen.

Mithilfe der Banken konnten Putins Freunde die Sanktionen offenbar umgehen

Sanktionen gegen einflussreiche Personen sollen die Regierung eines Landes dazu zwingen, ihr Verhalten zu ändern. Putin hat in Sachen Krim allerdings nicht eingelenkt, die Reisefreiheit und die Reichtümer seiner Freunde scheinen nicht zentral zu sein für ihn. Außerdem finden die Rotenbergs, das haben schon die Panama Papers gezeigt, offenbar fast immer Wege, die Sanktionen zu umgehen: Über anonyme Briefkastenfirmen brachten sie vermutlich Millionen in Steueroasen. Die FinCEN-Files legen nun nahe, dass Banken - darunter auch die Deutsche Bank - den zwei Brüdern geholfen haben. Trotz der bestehenden Sanktionen.

Bereits im Oktober 2015 hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg die beiden Putin-Freunde mit einem milliardenschweren Geldwäschesystem in Verbindung gebracht. Demnach könnten die Rotenbergs in den Skandal um Mirrortrades, Wertpapier-Deals, verwickelt sein. Bei dieser Geldwäsche-Affäre um komplexe Wertpapier-Deals, sogenannte Spiegelgeschäfte, ging es vereinfacht gesagt darum, Aktien gleichzeitig an einem Ort zu kaufen und an einem anderen zu verkaufen. Laut Bloomberg sollen mittels dieser Methode unter Nutzung der Deutschen Bank in Moskau allein von 2011 bis 2015 zehn Milliarden Euro aus Russland in den Westen geschleust worden sein. Die Deutsche Bank stellte interne Untersuchungen an, um zu klären, ob Geschäfte mit den Rotenbergs gemacht wurden - und ob sie die Köpfe hinter den Wertpapier-Deals gewesen sein könnten.

In einem internen Bericht der Deutschen Bank, den die SZ zugespielt bekommen hat, zogen die internen Ermittler Anfang November 2015 auf fünf Seiten ein vorläufiges Fazit: Eine Voruntersuchung habe keine Verbindung zwischen den Rotenbergs und den an den Mirrortrades beteiligten Firmen oder deren Tochterunternehmen ergeben. Allerdings seien "wegen des Umfangs der Rotenberg-Holdings innerhalb und außerhalb Russlands" noch weitere Untersuchungen nötig. Die Deutsche Bank habe keine Sanktionen gebrochen.

Der Bericht liest sich zwar wie eine Entlastung der Bank, aber die FinCEN-Files zeigen, dass es offenbar zumindest eine indirekte Verbindung zwischen den Rotenbergs und den Spiegelgeschäften gegeben hat: über eine US-Firma namens Paritet Limited. Diese gehörte demnach zur Hälfte Arkadij Rotenberg und überwies 2010 und 2011 mithilfe der Deutschen Bank 450 000 Dollar an eine gewisse Protel International - eine Firma, die im Verdacht steht, regelmäßig zur Geldwäsche in Millionenhöhe genutzt zu werden. Auf SZ-Anfrage bestritt Arkadij Rotenberg, jemals die Firmen Paritet oder Protel besessen zu haben. Auch hätten weder er noch sein Bruder Geld aus Russland herausgeschleust.

Die Bank musste in dem Bericht auch einräumen, für Boris Rotenberg nach seiner Sanktionierung noch 25 Transaktionen getätigt zu haben: Euro-Überweisungen von Russland nach Finnland, Russland oder Deutschland. Weil das Geld weder über die USA noch in Dollar floss, waren sie nach Ansicht der Deutschen Bank legal.

Die Deutsche Bank erklärte, aus ihren Fehlern gelernt und ihre Kontrollen verbessert zu haben

Das könnte ein teurer Irrtum sein, denn laut der US-Anwältin und Sanktionsexpertin Hdeel Abdelhady können die USA auch gegen Europäer Strafen verhängen, wenn diese Geschäfte mit Sanktionierten gemacht haben - egal ob in Dollar oder nicht. Firmen und Banken könnten dann, so Abdelhady, mit "sekundären Sanktionen" belegt werden. Die Folgen wären verheerend. Würden die US-Finanzbehörden der Deutschen Bank die Lizenz in den USA entziehen, dürfte sie keine Transaktionen in US-Dollar mehr durchführen. Es wäre der Ausschluss aus der internationalen Finanzwelt. Die Deutsche Bank wollte auf SZ-Anfrage zu ihrer Verbindung mit Arkadij und Boris Rotenberg nicht Stellung nehmen. Sie erklärte, aus ihren Fehlern gelernt und die Kontrollen verbessert zu haben. Die Deutsche Bank sei heute eine andere Bank.

Mittlerweile hat sich sogar der US-Senat mit Arkadij, seinem Sohn Igor und Boris Rotenberg befasst: Ein 150-seitiger Report prangert an, dass die Strafmaßnahmen nicht wie erhofft wirken, und beschreibt, wie die Rotenbergs die US-Sanktionen unterlaufen und Kunstwerke im Wert von mehreren Millionen Dollar gekauft hätten. Legt man den Bericht neben die FinCEN-Files und die Panama Papers, wird das Bild noch klarer: Nach ihrer Sanktionierung durch die USA nutzte die Familie demnach eine anonyme Briefkastenfirma, die Highland Ventures Group, um weiterhin teure Kunst kaufen zu können - etwa René Magrittes Werk La Poitrine, das damals 7,5 Millionen Dollar kostete.

Aus dem Senatsbericht geht auch hervor, wie schnell Oligarchen reagieren können, wenn es ernst wird: Der damalige US-Präsident Barack Obama hatte am 16. März 2014 Sanktionen gegen einflussreiche Russen angekündigt, und nur vier Tage später traten die Maßnahmen gegen Arkadij und Boris Rotenberg in Kraft. Aber in diesen vier Tagen hätten die Rotenbergs bereits gut 122 Millionen Dollar nach Russland zurückgeholt, ebenfalls über zwei Panama-Papers-Firmen. Trotz aktiver Sanktionen konnten danach offenbar sogar noch weitere 31,4 Millionen Dollar bewegt werden. Auf SZ-Anfrage ließen die Rotenbergs erklären, dass die Anschuldigungen aus dem Senatsbericht generell "fehlerhaft, irreführend und verleumderisch" seien. Zudem habe die Highland Ventures immer Igor Rotenberg gehört. Generell würden die Rotenbergs ihre Geschäfte rechtmäßig und in Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen tätigen und hätten nie Sanktionen gebrochen oder umgangen.

Irgendwann war offenbar sogar den Rotenberg-Brüdern der Besitz von Briefkastenfirmen zu heikel. Nach der Sanktionierung im März 2014 gehörten mehrere Offshoregesellschaften Arkadijs Sohn Igor. Laut Dokumenten, die die italienische Wochenzeitschrift L'Espresso ausgewertet hat, erwarb Igor Rotenberg zwei Luxusanwesen in der Toskana. Anfallende Rechnungen für die Häuser wurden bezahlt: von der Highland Ventures.

Das Muster ist bekannt: Wer Sanktionen umgehen will, überschreibt seine Firmen an Familienangehörige. Also reagierten die USA mit weiteren Sanktionen, diesmal eben auch gegen Igor und Cousin Roman Rotenberg, den Sohn von Boris Rotenberg. Den Rotenberg-Clan schien das nicht ganz unvorbereitet zu treffen: Zumindest hatte Igor rechtzeitig die Anteile einer Firma an jemand anderes übertragen. An seine Schwester, Liliya Rotenberg.

© SZ vom 22.09.2020
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