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Rückblick:Drei Tage im November

Was ist, was wird? - Immer wenn der Winter naht, treffen sich führende Politiker und einflussreiche Wirtschaftsentscheider im Hotel Adlon und vermessen die Welt. Geschichten aus zehn Jahren SZ-Wirtschaftsgipfel.

Erst wollte Wladimir Putin nicht. Seine Absage kam prompt. Doch ein paar Monate später überlegte er es sich anders. Putin wolle, so der Wunsch aus Moskau, nicht bloß eine Rede halten, nein, sondern mit deutschen Managern auf der Bühne des Hotel Adlon diskutieren - gern kritisch befragt von Journalisten der Süddeutschen Zeitung.

Und so saß der Mann aus Moskau zur besten Mittagsstunde in einer Runde mit den Vorstandschefs von VW, Siemens, der Deutschen Bank und mit dem Familienunternehmer Knauf. Warb für russische Investitionen in Europa - und für eine europäisch-russische Freihandelszone, die von Lissabon bis nach Wladiwostok reichen solle. Ein Vorschlag, der damals um die Welt ging, und von der Kanzlerin recht kühl kommentiert wurde, als sie einen Tag nach Putin ebenfalls beim Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung sprach.

2010 war das, sechs Jahre ist das her. Seitdem hat sich viel getan in Russland und in Europa. Putin ist wieder Präsident, was er auch vorher schon gewesen war, hat das Land fest im Griff, die Ukraine überfallen, die Krim annektiert und Bomben auf Syrien geworfen. Die EU hat Sanktionen gegen Russland erlassen und mehrmals verlängert. Die Kluft ist groß, von einer Freihandelszone redet niemand mehr.

Der Auftritt von damals ist vielen Teilnehmern des Wirtschaftsgipfels noch in Erinnerung, auch den Machern des Kongresses. 1500 Polizisten sicherten damals den Besuch von Putin, das Hotel Adlon war eine Festung, und bei einem Vorbereitungstreffen in der russischen Botschaft merkten die Macher des Kongresses: Der Botschafter war viel besorgter als sie, dass das alles klappen möge mit dem hohen Gast.

Merkel, Faymann, Gauck, Putin, Ayrault: Jedes Jahr kommen Staats- und Regierungschefs

Allerdings: Als Bundespräsident Joachim Gauck, noch jung im Amt, den SZ-Wirtschaftsgipfel im Jahr 2012 mit seiner ersten wirtschaftspolitischen Grundsatzrede eröffnete, war der protokollarische Aufwand kaum geringer. Ein Bundespräsident muss zum Beispiel mehr Redezeit bekommen als ein ausländischer Regierungschef, der direkt nach ihm redet.

Wenn Staats- und Regierungschefs kommen, ist man vor Überraschungen nicht gefeit. So wie in diesem Jahr, als Angela Merkel kurzfristig absagen musste, weil just zu ihrem Auftrittstermin sich der scheidende US-Präsident Barack Obama zum Abschiedsbesuch eingeladen hat, Europa-Gipfel inklusive. Merkel bedauerte, zumal sie eine hohe Termintreue hat, wie die meisten Teilnehmer des SZ-Gipfels. Wer zusagt, kommt in der Regel. So wie die damaligen Premierminister von Italien, Enrico Letta, und Griechenland, Antonis Samaras, die 2013 die Nacht der europäischen Wirtschaft bestritten, den Höhepunkt des Treffens in Berlin. Unvergessen ist der Abend vor zwei Jahren, als Wolfgang Schäuble über das Attentat auf ihn sprach, und über sein schwieriges Verhältnis zu Helmut Kohl. Oder im vorigen Jahr, als Altkanzler Gerhard Schröder kam; er war oft nicht glücklich darüber, was die SZ über ihn während seiner Kanzlerschaft geschrieben hat: Nun wolle er "zurückgeben", wie er grinsend sagte. Und tat das.

Jeden November diskutieren während dreier Tage mehr als 50 Referenten aus dem In- und Ausland mit den rund 450 Konferenzteilnehmern: Die Zahl ist bewusst limitiert. Arbeitsatmosphäre und Intimität, das war die Idee von Anfang an. Nicht eine von vielen Großveranstaltungen in Berlin, sondern ein kleines, aber feines Format schwebte den Initiatoren vor; und der Ballsaal im Hotel Adlon nahe dem Brandenburger Tor bietet dafür bis heute den geschichtsträchtigen Rahmen. Im ersten Jahr, 2007, war das ein Wagnis. Würde der Kongress angenommen werden? Wäre er wertvoll für Teilnehmer und Referenten, aber auch für die SZ-Journalisten? Würde es gelingen, Gastgeber und kritischer Beobachter zugleich zu sein?

Zum zehnten Jubiläum ist die Redaktion überzeugt: Es funktioniert. Denn wer auf dem Kongress spricht, darf deswegen nicht im Gegenzug mit freundlicher Berichterstattung in der SZ rechnen. Niemand bekam das deutlicher zu spüren als die Deutsche Bank, deren Chefs mehrmals zu Gast im Hotel Adlon waren - und die in der SZ immer wieder heftig für ihre Fehler gerüffelt wurden.

Gleiches gilt für Putin, dessen Machtpolitik in der SZ stets kritisch beleuchtet wurde. Die dubiosen Offshore-Firmen seiner engsten Getreuen waren auch zentrales Themen bei der Recherche zu den Panama Papers. Putin war empört und warf der SZ danach fälschlich vor, sie gehöre indirekt zu Goldman Sachs - deshalb habe sie ihn in die Nähe dieser Geschäfte gerückt. Der russische Präsident, Adlon-Gast 2010, hätte es besser wissen können.