Rocket Internet:Trennung auf Raten

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Cristina Stenbeck ist die Chefin des Verwaltungsrats von Kinnevik - ihr Fonds hat mit Rocket Internet viel Geld verdient, jetzt trennen sich die Wege.

(Foto: dpa)

Gemeinsam haben Oliver Samwer und die schwedische Investorin Cristina Stenbeck viel Geld verdient. Das war einmal. Es gab Streit, Samwer setzt sich durch - vorerst.

Von Caspar Busse

Es war eine lange und durchaus erfolgreiche Partnerschaft. Vor einigen Jahren hatten sich Oliver Samwer und Cristina Stenbeck vom schwedischen Investor Kinnevik kennen und schätzen gelernt. Gemeinsam steckten sie Geld in hoffnungsvolle Internetunternehmen und mehrten es damit. Das Internet-Modeunternehmen Zalando beispielsweise brachten die beiden nach ganz oben, und Kinnevik investierte auch in Rocket Internet, die Start-up-Holding der Samwer-Brüder, bei der Oliver Samwer Vorstandschef ist.

Doch die gute Stimmung ist spätestens seit dem Börsengang von Rocket Internet im Herbst 2014 verflogen. Schon seit Längerem findet hinter den Kulissen des Berliner Unternehmens ein Machtkampf statt: Oliver Samwer gegen Lorenzo Grabau. Der gebürtige Italiener und ehemalige Banker von Goldman Sachs wurde im Mai 2014 von Stenbeck zum Vorstandschef von Kinnevik berufen. Er und Samwer rangelten seither heftig um die Strategie bei Rocket Internet: Ist der Kurs, den Samwer eingeschlagen hat, zu risikoreich? Warum entwickelt sich die Aktie so enttäuschend? Wann gibt es endlich Gewinne?

Jetzt gibt es eine Entscheidung: Samwer setzt sich durch und geht vorläufig als Sieger vom Platz. Grabau und der zweite Kinnevik-Abgesandte, der Schwede Erik Mitteregger, verlassen mit der Hauptversammlung am 9. Juni den Aufsichtsrat von Rocket Internet. Wie aus der Einladung zu dem Aktionärstreffen weiter hervorgeht, sollen stattdessen Stefan Krause, ehemaliges Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bank und davor bei BMW, und Pierre Louette vom französischen Mobilfunkunternehmen Orange gewählt werden. Die beiden würden "umfangreiche internationale Erfahrung und insbesondere wertvolle Expertise aus den Bereichen Strategie, operative Umsetzung und Corporate Governance" mitbringen, teilte Aufsichtsratschef Marcus Englert mit.

Samwer kann sich damit von seinem langjährigen Partner emanzipieren und künftig durchregieren. "Beide Seiten haben erkannt, dass es zu viele Reibungsverluste gab", sagt ein Insider. Kinnevik, künftig also ohne Stimme im Aufsichtsrat, ist derzeit noch mit 13,2 Prozent an Rocket Internet beteiligt. Ob die Schweden auch diese Aktien bald verkaufen, ist offen. Es gebe dafür "derzeit keine Signale", heißt es. Die Beteiligung ist momentan eine knappe halbe Milliarde Euro wert. Zudem sind Rocket Internet und Kinnevik gemeinsam am Modehändler Zalando, an den Online-Möbelhäusern Home 24 und Westwing sowie an der Global Fashion Group (GFG) beteiligt, in der mehrere internationale Online-Modefirmen gebündelt sind. Grabau war lange Vorsitzender des Rocket-Aufsichtsrats gewesen, wurde Mitte Dezember jedoch plötzlich durch den Samwer-Vertrauten Englert, einen ehemaligen Pro-Sieben-Sat 1-Manager, abgelöst.

Die Rocket-Internet-Aktie verlor am Montag an Wert und notierte bei gut 20 Euro, weniger als die Hälfte des Ausgabekurses (42,50 Euro). Schon länger zweifeln Anleger daran, ob mit dem Geschäftsmodell wirklich Geld verdient werden kann. 2015 gab es Verluste. Die Holding ist weltweit an rund 150 Start-up-Unternehmen mit etwa 36 000 Mitarbeitern beteiligt. Die meisten sind im Aufbau und machen Verluste.

"Cristina, Lorenzo und ich - das ist ein Team, das sich absolut vertraut", behauptete Samwer noch im Januar. Doch die Auseinandersetzung eskalierte schon lange. Grabau funkte Samwer immer wieder ins Tagesgeschäft. Im Dezember gab es Streit um den Börsengang des Kochbox-Lieferanten Hello-Fresh. Kinnevik hat das Projekt angeblich verhindert. Zudem gab es immer wieder Diskussionen um die Bewertung von Beteiligungsunternehmen. Kinnevik gab sich konservativer, Samwer aggressiver, er will stärker investieren, um die Firmen schneller voranzubringen.

Vergangene Woche wurde die Bewertung der Global Fashion Group um zwei Milliarden auf nur noch eine Milliarde Euro reduziert. Gleichzeitig musste weiteres Kapital von 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Zu GFG gehören sechs Online-Modeversender, etwa in Lateinamerika, Russland und Südostasien. Der Umsatz lag 2015 bei 930 Millionen Euro, der operative Verlust bei 275 Millionen Euro. "Wir sind weiterhin von den positiven Aussichten von GFG überzeugt", sagte Rocket-Chef Oliver Samwer. "Von der Bewertung her gesehen ist alles schiefgegangen, obwohl im Unternehmen alles gut aussieht", kritisierte dagegen Grabau.

Im Aufsichtsrat von Rocket Internet werden sich die beiden künftig nun nicht mehr sehen. Raum für Konflikte wird es weiter geben: Rocket Internet und Kinnevik sind nach wie vor an einer ganzen Reihe von Unternehmen gemeinsam beteiligt.

© SZ vom 03.05.2016
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