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Kolumne: Silicon Future:Bitte sparen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Forderung, weniger Ressourcen zu verbrauchen, ist relativ alt. Damit die Dematerialisierung sich in der Wirtschaft mehr durchsetzt, sind finanzielle Anreize nötig.

Von Helmut Martin-Jung

Wie der Straßenbahnwagen da hinaufgekommen ist? Keine Ahnung. Jedenfalls steht er da neben einem graubraunen Haus auf einer ebenfalls graubraun gestrichenen (oder gewordenen) Garage irgendwo in Tschechien. Ein lustiges Bild, das jemand auf Twitter gepostet hat. Noch lustiger ist die Bildunterschrift, die da lautet: "Straßenbahnfahrer im Home-Office". Schon klar: Es gibt Berufe und Tätigkeiten, die wird man so schnell nicht von zu Hause aus erledigen können.

Aber, um beim öffentlichen Nahverkehr zu bleiben, was ist mit Mitarbeitern, die zum Beispiel Ticket-Abos verwalten oder der Personalabteilung, dem Management? Auch klar: Die können ihren Job, zumindest was das Technisch-Organisatorische angeht, genauso gut von zu Hause oder von den Kanaren aus erledigen, eine gute Internetverbindung vorausgesetzt.

Hätte nicht die Pandemie es erzwungen, es hätte wohl noch länger gedauert, bis sich so manches Unternehmen einen Ruck gegeben und seinen Angestellten wenigstens zeitweise ermöglicht hätte, das Büro nach Hause zu verlegen.

So sehr man das begrüßen kann, richtig super-easy ist es keineswegs für alle. Die Balance zwischen Arbeit und Privatleben ist schwieriger herzustellen. Familien mit kleineren Kindern oder gar Alleinerziehende tun sich besonders schwer, weil ja wegen der Virus-Krise auch Kitas und Schulen nicht zuverlässig die Betreuung der Kleinen garantieren können. Ganz besonders leiden die ärmeren Schichten, die oft nicht genug Platz in ihren Wohnungen und keine ausreichende IT-Ausstattung zur Verfügung haben. Heim-Arbeitsplätze sollen keine Einfallstore für Hacker sein. Und was sich natürlich mit digitalen Hilfsmitteln kaum erreichen lässt, ist die Art von Kommunikation, die nur bei persönlichen Treffen möglich wird.

Doch in dem ganzen Schlamassel steckt auch eine Chance. Grosso modo funktioniert das mit dem Home-Office ja zumindest für die meisten Bürojobs, und Experten erwarten, dass es nach der Pandemie kein Zurück mehr zum alten Büroleben geben wird. Was nicht bloß daran liegt, dass viele Berufstätige es schätzen, wenn sie nicht jeden Tag zur Arbeit pendeln müssen - nicht nur für Landbewohner kann das eine ziemliche Tortur sein. Auch Firmen kalkulieren längst damit, dass sie Büroraum und damit Kosten einsparen können, wenn sie nicht mehr für jeden Mitarbeiter einen dauerhaften Arbeitsplatz bereithalten müssen.

Allmählich wird auch den Letzten klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann

Es ist aber auch für die Umwelt besser, wenn der Strom von Pendlern nachlässt. Viele haben keine andere tragbare Möglichkeit als mit dem Auto zu fahren, vergeuden Lebenszeit auf der Straße und verpesten die Umwelt. Home-Office kann daher ein wichtiger Teil einer Strategie zur Dematerialisierung sein.

Das ziemlich schreckliche Wortungetüm ist eigentlich einfach zu verstehen, einerseits: Die Erde bietet nur begrenzt Ressourcen, die Menschen sollten deshalb verantwortungsvoll damit umgehen. Andererseits ist es schwer für die 20 Prozent der reichen Länder, die 80 Prozent der gesamten Ressourcen verbrauchen, von diesem Lebensstil wieder herunterzukommen.

Doch allmählich wird auch den Letzten klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Dem kann sich auch die Wirtschaft nicht entziehen. Zwar ist die Entscheidung, Ressourcen zu sparen, nicht immer nur getrieben von dem Wunsch, etwas für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zu tun. Und oft genug sind die Bekundungen der Unternehmen nichts weiter als Greenwashing - ein grünes Mäntelchen, mit dem sich trefflich werben lässt. Einen wirklichen Effekt haben die angepriesenen Maßnahmen dann nicht.

Der Umwelt aber kann es eigentlich egal sein, aus welchen Motiven heraus Unternehmen sich dafür entscheiden, ressourcenschonender zu wirtschaften. Hauptsache, es passiert etwas, damit der Raubbau sich nicht fortsetzt. Der Netzwerkausrüster Ericsson, der zurzeit gerade mit Hochdruck am Ausbau des 5G-Funknetzes arbeitet, hat für seinen alljährlichen Zukunftsreport einige Tausend Entscheider sowie Mitarbeiter mit Bürojobs in Industrie- und Schwellenländern dazu befragt. Immerhin vier von zehn geben an, dass auch ökologische Motive hinter ihren Bemühungen steckten, den Stoffkreislauf zu verschlanken, ressourcenschonender zu produzieren, mehr auf Recycling zu achten.

Bei der Erkenntnis, dass dabei auch die Digitalisierung und insbesondere die 5G-Technologie eine wichtige Rolle spielen werden, wird man eine gewisse Voreingenommenheit des Auftraggebers annehmen dürfen. Völlig falsch ist es allerdings nicht. Um zum Beispiel Flugreisen durch digitale Treffen zu ersetzen oder Arbeitskräfte von außerhalb des Büros nahtlos in die IT einzubinden, braucht es eben zwingend eine gut funktionierende digitale Infrastruktur.

Die aber hat auch ihre Schattenseiten. Auch sie braucht Energie, auch wenn die Effizienz sich mehr und mehr verbessert. Die Herstellung eines Chips, der kaum ein Gramm wiegt, verschlingt 20 Kilogramm an wertvollen Ressourcen. Für Handys sind seltene Erden unverzichtbar. Diese Materialien aus Altgeräten zurückzugewinnen, ist technisch schwierig und wird daher bis jetzt kaum genutzt.

Es könnte viel erreicht werden, wenn es auf internationaler Ebene Regeln gäbe, die schonenderen Materialeinsatz erzwängen. Dieser Zwang muss nicht mit Strafandrohungen und ähnlichem erreicht werden. Am besten funktionieren doch eigentlich immer noch finanzielle Anreize. Wer die Umwelt schont - und zwar nicht bloß in der Werbung - der profitiert. Und alle anderen mit.

© SZ/shs
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