Razzia bei Telekom-Chef René Obermann Unerwarteter Besuch

Der Schmiergeld-Skandal um eine Telekom-Tochter erreicht den Konzernchef: Die Staatsanwaltschaft durchsuchte Obermanns Privatwohnung - die Telekom nennt die Vorwürfe "haltlos".

Von C. Dohmen u. K. Ott

Sie waren schon in der Konzernzentrale in Bonn, und nun fuhren sie auch vor der Privatwohnung vor. Ende August durchsuchte die Staatsanwaltschaft, wie jetzt bekannt wurde, das Heim von Telekom-Chef René Obermann. Es geht um den Verdacht von Schmiergeldzahlungen der ungarischen Telekom-Tochter bei Geschäften in Mazedonien vor einigen Jahren.

Die Staatsanwaltschaft durchsuchte die Privatwohnung von Telekom-Chef René Obermann.

(Foto: AP)

Für Obermann war das ein Déjà-vu. Seit längerem hat der Spitzenmanager mit der Bonner Staatsanwaltschaft zu tun, mal als Anzeigeerstatter, mal als Zeuge. Die noch nicht ausgestandene Spitzelaffäre bei der Deutschen Telekom hat Obermann viel Zeit und Nerven gekostet. Der Chef musste aufräumen, um das Vertrauen in die Telekom zurückzugewinnen, das von anderen Managern und Mitarbeitern durch den massenhaften Missbrauch der Telefondaten von Betriebs- und Aufsichtsräten sowie Journalisten verspielt worden war.

Jetzt sind die Bonner Strafverfolger erneut vorstellig geworden, und dieses Mal sogar unangemeldet. Bislang war nur bekannt, dass die Fahnder am 31. August mit einem Aufgebot von immerhin 70 Beamten die Konzernzentrale in der ehemaligen Bundeshauptstadt gefilzt und dort mögliches Beweismaterial beschlagnahmt hatten. Gegen Obermann persönlich wird nicht ermittelt, er ist kein Beschuldigter, und er beteuert, ihm sei kein Fehlverhalten anzulasten. Die Vorwürfe gegen die Telekom seien "haltlos".

Bei Razzien dieser Art werden oft auch die Büros und manchmal sogar die privaten Domizile von Konzernchefs durchsucht, die nach den vorliegenden Erkenntnissen mit den verdächtigen Geschäften selbst gar nichts zu tun hatten. Die Ermittler wollen einfach sicher gehen, nichts versäumt zu haben. So auch in diesem Fall, in dem die Bonner Staatsanwaltschaft im Wege der Rechtshilfe für das US-Justizministerium tätig ist.

Die US-Behörden sind für die angeblichen Korruptionsdelikte in Osteuropa zuständig, weil die Telekom früher an der New Yorker Börse notiert war und mit ihren weltweiten Aktivitäten insofern auch den US-Gesetzen unterlag. Und Auslandsbestechung wird in den USA streng verfolgt. Ermittelt wird jenseits des Atlantiks gegen acht Telekom-Manager wegen des Verdachts der Bestechung oder der Beihilfe zur Bestechung bei der ungarischen Tochter. Die Vorfälle liegen rund fünf Jahre zurück. Obermann leitete damals die internationale Mobilfunksparte der Telekom. Aus der Bonner Konzernzentrale heißt es dazu, für Ungarn sei damals nicht Obermann zuständig gewesen, sondern ein anderes seinerzeitiges Vorstandsmitglied.

Ermittlungen auch in Ungarn und Mazedonien

Bei der Telekom gab man sich überrascht wegen der Razzia von Ende August, da man in diesem Fall bereits seit Jahren mit den Ermittlern kooperiere. Die Bonner Staatsanwaltschaft wollte sich zum Stand der Ermittlungen nicht äußern. Etliche, aber längst nicht alle Details sind seit längerem öffentlich bekannt und in den im Internet einsehbaren Berichten der Telekom an die US-Börsenaufsicht nachzulesen. Daraus geht hervor, dass der Fall immer größere Kreise zieht und inzwischen die Behörden in vier Ländern beschäftigt.

Auch in Ungarn und in Mazedonien wird ermittelt. Telekom-Mitarbeiter aus Ungarn sollen angeblich Schmiergelder in Millionenhöhe an Regierungsbeamte von Mazedonien gezahlt haben, um bei der Regulierung des Marktes und bei der Vergabe von Mobilfunklizenzen Vorteile zu erlangen.

Unregelmäßigkeiten waren erstmals Wirtschaftsprüfern von Price Waterhouse Cooper aufgefallen, als sie die Bücher der ungarischen Telekom-Tochter des Jahres 2005 überprüften. Die Telekom hatte daraufhin eigene Untersuchungen eingeleitet. Bei den firmeninternen Ermittlungen hatten die eingeschalteten Anwälte darüber geklagt, dass viele Beweismittel vernichtet worden waren.

Insgesamt soll es bei bis zu zehn Verträgen zu Unregelmäßigkeiten in Höhe eines insgesamt zweistelligen Millionenbetrages gekommen sein. Zuletzt hatte die Telekom in einem Bericht vom Februar 2010 beteuert, man werde der US-Börsenaufsicht SEC und dem dortigen Justizministerium weiterhin alle Informationen und Dokumente zur Verfügung stellen, die für die Aufklärung des Falles notwendig seien. Den US-Ermittlern genügte das aber offenbar nicht, sie baten die Bonner Staatsanwaltschaft um Rechtshilfe.