Probleme in Serie:Toyota und die Frage nach der Zahl der Toten

Wie viele Menschen kamen durch Toyota-Bremsprobleme ums Leben? Bislang war von 34 Toten die Rede - doch nun gibt es weitaus dramatischere Zahlen.

Die Pannenserie bei Toyota hat möglicherweise noch fatalere Folgen nach sich gezogen als bislang gedacht. Neueste Daten der US-Behörde für Verkehrssicherheit bringen mittlerweile 52 Todesopfer mit dem ungewollten Beschleunigen in Verbindung. Bislang war von 34 Toten die Rede. Die Aufzeichnungen über Unfälle reichen bis ins Jahr 2000 zurück.

"Wir alle wissen, dass etwas schrecklich schiefgelaufen ist", sagte Senator Jay Rockefeller am Dienstag zum Auftakt der dritten und vorerst letzten Anhörung zum Thema Toyota vor dem US-Kongress. "Sicherheit spielte eine untergeordnete Rolle. Das Gewinnstreben steuerte die Entscheidungen des Unternehmens."

Der Ausschussvorsitzende warf auch der Verkehrssicherheitsbehörde vor, versagt zu haben, indem sie lange tatenlos blieb. Die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) sammelt Beschwerden von Autofahrern. Seitdem Toyotas Rückrufwelle für viel Aufmerksamkeit sorgt, ist auch die Zahl der Eingaben sprunghaft angestiegen. Bislang konnten Gutachter jedoch nur bei wenigen Unfällen zweifelsfrei klären, dass sie tatsächlich auf Konstruktionsmängel zurückgehen.

Mehr als acht Millionen Autos zurückgepfiffen

Weltweit ruft Toyota 8,5 Millionen Autos wegen diverser Defekte zurück. Der US-Markt ist besonders stark betroffen. Dass eine fehlerhafte Elektronik der Grund für das ungewollte Beschleunigen bei manchen Fahrzeugen ist, schloss Toyotas Chefkonstrukteur Takeshi Uchiyamada abermals aus. Das elektronische Gaspedal sei Standard in der Industrie und auch ausführliche Tests hätten keine Schwierigkeiten ergeben.

"Die Fußmatten sind ein Problem, die klemmenden Pedale sind ein Problem", sagte US-Verkehrsminister Ray LaHood. "Manche glauben auch, dass die Elektronik Probleme macht. Wir untersuchen das." Toyota hatte bereits angekündigt, vorsorglich alle neuen Autos und sieben bestehende Modelle mit einem Sicherheitssystem auszustatten, das den Wagen auch beim Versagen der Elektronik zum Stehen bringen soll.

Senator Daniel Inouye nahm Toyota in Schutz. Auch die großen US-Autohersteller General Motors, Ford und Chrysler hätten mit technischen Defekten zu kämpfen. "Es ist kein Toyota-Problem, es ist ein Industrieproblem." Nur Stunden vor der Anhörung hatte General Motors 1,3 Millionen Wagen in Nordamerika wegen einer ausfallenden Servolenkung in die Werkstätten gerufen. Deswegen kam es bereits zu Unfällen mit mindestens einem Verletzten.

Tausende Jobs in Gefahr

Senator Roger Wicker verwies darauf, wie wichtig Toyota für die Wirtschaft des Landes sei. "Auch in meiner Heimatregion Mississippi." Toyota unterhält zehn Werke im Land mit 34.000 Arbeitern. Weitere Fabriken betreiben die Japaner in Gemeinschaftsunternehmen. Zusammen mit Zulieferern und Händlern hängen rund 200.000 Jobs am Unternehmen.

"Tausende von amerikanischen Arbeitsplätzen sind in Gefahr", warnte Wicker. Im Februar waren die Toyota-Verkäufe in den USA den zweiten Monat in Folge gefallen. Mit 100.027 Stück setzte Toyota knapp neun Prozent weniger Fahrzeuge ab als vor einem Jahr, wie das Unternehmen am Dienstag im kalifornischen Torrance mitteilte. Branchenbeobachter waren von einem höheren Einbruch wegen der Pannenserie ausgegangen. Toyota hatte mit Rabatten gegengesteuert.

Auch der Ausschussvorsitzende Rockefeller strich die Verdienste Toyotas heraus: "Es ist kein Geheimnis, dass Toyota ein wichtiger Teil der Wirtschaft dieses Landes ist." Damit gaben sich die Senatoren wesentlich versöhnlicher als die Vertreter des Repräsentantenhauses in den beiden Anhörungen die Woche zuvor. Die Abgeordneten hatten Toyota vorgeworfen, die gefährlichen Defekte über Jahre verschleiert zu haben. Auch jetzt reagiere Toyota nur zögerlich. "Ich kann ihnen versichern, dass wir aus dieser Erfahrung gelernt haben", sagte Toyotas Nordamerika-Chef Yoshimi Inaba.

So hat Toyota den ehemaligen US-Verkehrsminister Rodney Slater verpflichtet, der zusammen mit anderen unabhängigen Experten die Qualität und Sicherheit der Autos überwachen soll. Konzern-Qualitätschef Shinichi Sasaki versprach, dass die US-Landesgesellschaft künftig in der Zentrale in Tokio mehr Gehör finden wird. Vertreter aus den USA entschieden künftig über Rückrufe mit.

Der japanische Autokonzern hatte kurz vor der Anhörung eine weitere Panne einräumen müssen: Bei 1,6 Millionen Wagen werden wegen möglicher Lecks die Ölschläuche getauscht. Wieder ist der US-Markt besonders stark betroffen. In Deutschland müssen 1208 Geländewagen vom Typ Lexus RX350 in die Werkstätten.

© sueddeutsche.de/dpa/mel/plin
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