Automobilindustrie: Toyota:Die Tränen des Toyoda

Es sollte die große Reinigung sein - doch der Auftritt von Toyota-Chef Akio Toyoda vor dem US-Kongress gerät zur Posse. Da halfen auch später die Tränen vor dem eigenen Personal nicht mehr.

Toyota-Chef Akio Toyoda hätte diesen Auftritt im Sitzungssaal 2154 des US-Kongresses gerne vermieden.

Lange zögerte der scheue Enkel des Firmengründers, der Einladung des Kongresses zu einer öffentlichen Anhörung nachzukommen und zu dem Fiasko um die technischen Probleme seiner Fahrzeuge Stellung zu nehmen. Mit einer Verbeugung betritt er am Mittwoch schließlich den Tagungsraum in Washington. Die Abgeordneten erwidern die Demutsgesten des Konzernchefs mit scharfen Fragen. Ihr Misstrauen sitzt tief, Toyoda kann es nicht ausräumen.

Die Vorwürfe wiegen schwer. Hat Toyota versucht, die gefährlichen technischen Probleme seiner Autos zu vertuschen und damit das Leben von Kunden gefährdet? Wie Geschosse fliegen die Fragen der Abgeordneten durch die Luft. Der 53-jährige Toyoda antwortet zögerlich, immer wieder berät er sich mit seiner Dolmetscherin. Bisweilen wirkt der Japaner ratlos und gibt an, Fragen zu Details nicht verstanden zu haben. Mehrfach springt der ebenfalls als Zeuge geladene Direktor von Toyota USA, Yoshi Inaba, ein, um Fragen zu beantworten, die eigentlich an seinen Chef gerichtet waren.

"Ich sende meine Gebete"

Zwei Botschaften indes bringt Toyoda in seiner zu Beginn verlesenen Erklärung klar rüber: eine Entschuldigung für die technischen Mängel seiner Fahrzeuge und ein Versprechen, in Zukunft besser zu sein. "Ich bedaure zutiefst jeden Unfall, den Toyota-Fahrer erleben mussten", sagt Toyoda. Der Konzernchef spricht den Hinterbliebenen tödlich verunglückter Toyota-Fahrer sein Beileid aus: "Ich sende meine Gebete und werde sicherstellen, dass sich eine solche Tragödie nicht mehr wiederholt." Die technischen Mängel an Toyota-Gaspedalen werden in den USA mit dem Unfalltod von mehr als 30 Menschen in Verbindung gebracht.

Toyoda räumt Fehler bei der Qualitätssicherung seines Konzerns ein, für die er die "volle Verantwortung" übernehme. Toyoda und Inaba versprechen den Abgeordneten, künftig mehr Wert auf Sicherheit und Transparenz zu legen. Als Beleg für neue Transparenz des Konzerns war Toyodas Auftritt freilich nicht geeignet. Seine Antworten an die Abgeordneten fallen sehr abstrakt aus.

Den Politikern gelingt es nicht einmal herauszufinden, wann genau Toyoda über die technischen Mängel seiner Fahrzeuge unterrichtet wurde. Den Abgeordneten Elijah Cummings veranlasst der Auftritt zu einem Stoßseufzer: "Warum sollten wir glauben, dass die Dinge wirklich besser werden?"

Der Ausschussvorsitzende Edolphus Towns mahnt Toyoda zur Präzision: "Beantworten Sie Fragen doch einfach mit ja oder nein." Der Abgeordnete John Mica bezeichnet die Anhörung als "Peinlichkeit für Toyota".

Bereits am Vortag hatte der Chef von Toyota USA, James Lentz, auf dem heißen Stuhl Platz nehmen müssen. Sollte Toyodas Statthalter in den USA dabei das Ziel gehabt haben, den Vertrauensverlust zu stoppen, so dürfte er dies verfehlt haben.

Auf die Frage des Abgeordneten Henry Waxman, ob die bisherigen Reparaturmaßnahmen - also der Austausch der Fußmatte und der Einbau eines Zusatzteils für das Gaspedal - das gefährliche Problem lösen, räumte Lentz ein: "Nicht komplett." Waxman erwiderte überrascht: "Was wollen Sie nun also tun?" Lentz' Antwort: "Wir müssen weiter wachsam sein und allen Kundenbeschwerden nachgehen."

Dana Milbank, Kolumnist der Washington Post, resümierte: "Wer vor der Anhörung Unbehagen beim Fahren eines Toyota fühlte, wird nun wohl Panik verspüren."

Im Video: Bei seiner Anhörung vor dem US-Kongress bat Akio Toyoda die Hinterbliebenen der Todesopfer der Pannenserie abermals um Entschuldigung. Er kündigte zudem rückhaltlose Konsequenzen.

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Eine Ahnung von der emotionalen Verunsicherung bekamen die Abgeordneten, als die als Zeugin geladene Toyota-Kundin Rhonda Smith das Wort ergriff. Die Frau aus Tennessee berichtete weinend, wie ihr Toyota plötzlich auf mehr als 160 Stundenkilometer beschleunigt habe. Sie habe um ihr Leben gefürchtet. Toyota habe ihre Beschwerden lange ignoriert. "Schämt euch, Toyota, dass Ihr so geizig seid", rief Smith.

Toyota stehe am Scheideweg, sagte später der Firmenchef bei einem Empfang vor Toyota-Arbeitern und -Verkäufern unter Tränen. "Wir müssen alles in unserer Firma überdenken", kündigte er ein radikales Umdenken an.

Unterdessen sind mehrere Zulieferer von Toyota in den USA in das Visier der Strafermittler geraten. Die Bundespolizei FBI durchsuchte die Büroräume von insgesamt drei Unternehmen im US-Bundesstaat Michigan.

Toyota bestätigte am Mittwochabend, dass die Behörden gegen seine Geschäftspartner vorgegangen seien. Der Konzern habe aber nur "beschränkte Informationen" über den Vorfall. Toyota selbst sei nicht kontaktiert worden.

Nach Angaben von US-Medien hat die Durchsuchung nichts mit der Rückruf-Welle bei Toyota zu tun. Stattdessen soll es sich um mögliche Kartellvergehen drehen. Eine Sprecherin eines der betroffenen Zulieferers, Denso, bestätigte dies.

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