Private-Equity-Firmen:Barbarisches Image

Einvernehmlich eingefädelte Minderheitsbeteiligungen - nicht gerade das, was dem alten, barbarischen Image entspricht, oder? Freise nennt das, was seine Firma zu bieten hat, "unternehmerisches Kapital"; neben Geld vor allem Branchenkenntnisse und Kontakte. Er tippt mit dem Zeigefinger auf den Glastisch: "Wie hier. Pro Sieben Sat 1 war ein Erfolg für alle Beteiligten."

Kommt drauf an. Das einstige Kerngeschäft der Gruppe - Fernsehen - hat unter den anglo-amerikanischen Eigentümern KKR und Permira sicher keinen Qualitätssprung gemacht. Wenn überhaupt, hat sich die Gruppe durch den Verkauf des Nachrichtensenders N24 vom Anspruch verabschiedet, ein ernst zu nehmendes Vollprogramm zu bieten. Einerseits.

Andererseits war Pro Sieben Sat 1 zum Zeitpunkt der Übernahme in keinem guten Zustand, und die Werbekrise setzte den Sendern kurz darauf massiv zu. Vorstandschef Ebeling investierte in neue Online-Geschäfte; eine Strategie, die aufging. 2013, zum Abschied von KKR und Permira, verbuchte das Unternehmen einen Rekordumsatz und -gewinn. Auch der Aktienkurs war da, wo er hinsollte. Allein Ebeling, der seinen Vertrag an diesem Donnerstag bis zum Jahr 2019 verlängert hat, strich eine Sonderzahlung von 23,4 Millionen Euro ein, gezahlt von den Investoren. Viele Kommentatoren fanden die Summe maßlos. Dabei entsprang sie einer typischen Private-Equity-Strategie. Manager von Portfoliofirmen verdienen im Regelfall kein hohes Fixgehalt, doch wenn sie Umsatz- und Erlöszuwächse liefern, gibt es satte Sonderzahlungen. Wie sonst, so die Logik, soll sich das eigene Interesse mit dem der leitenden Angestellten decken: der Steigerung des Firmenwerts.

Private Equity und der Zauber des Hebels

Private-Equity- oder Beteiligungsfirmen kaufen Anteile an Unternehmen. Dafür investieren sie eigenes und fremdes Kapital. Ziel ist es, eine Firma nach einigen Jahren mit Gewinn weiterzuverkaufen. Damit das klappt, sucht die Branche vor allem Wachstumskandidaten. Nur wenn eine Firma nach der Übernahme expandiert - sei es dank neuer Produkte oder eines Vorstoßes in neue Märkte - winkt den Eigentümern beim Ausstieg ein wirklich attraktiver Profit. Entgegen dem Klischee der Freibeuter in Nadelstreifen geht es der Mehrheit der Firmenkäufer also nicht darum, ihr Eigentum auszuschlachten oder wie verrückt Leute zu feuern. Im Gegenteil. Für einen kaputtgesparten Problemfall wird sich später kaum ein Kaufinteressent finden.

In den USA, wo die Branche in den 1970er-Jahren entstanden ist, heißen die typischen Übernahmen "Leveraged Buyouts", kurz LBOs. Das Wort "lever" (Deutsch: Hebel) weist auf das zugrunde liegende Geschäftsmodell hin, den Hebel-Effekt. Das Geld für einen Deal stammt zum Großteil von der Bank. Allerdings will diese sehen, dass die Beteiligungsgesellschaft, die bei ihr anklopft, selbst einen ausreichenden Teil des Risikos trägt, ganz so wie beim privaten Haus- oder Wohnungskauf. In Europa liegt der Anteil des Eigenkapitals in der Regel zwischen 30 und 40 Prozent.

Zur Illustration ein - stark vereinfachtes - Beispiel: Beteiligungsfirma A kauft Industriekonzern B für 500 Millionen Euro. 150 Millionen (30 Prozent) kommen aus eigener Tasche, der Rest ist geliehenes Kapital. Nach fünf Jahren verkauft A den neu aufgestellten Konzern B weiter, sagen wir für 650 Millionen Euro. Die Gesamtrendite beträgt also 30 Prozent. Aber die Eigenkapitalrendite - der Gewinn von 150 Millionen geteilt durch das selbst eingesetzte Kapital - liegt über die fünf Jahre bei 100 Prozent. Das entspricht einer effektiven jährlichen Rendite ("Internal Rate of Return") von 15 Prozent. Nicht übel. Und durchaus das, was in dieser Branche erwartet wird. Marc Felix Serrao

Vom Wettbewerb überrannt

An dieser Stelle könnte man die Grundsatzdebatte über das Mantra des Wachstums fortführen. Müssen Firmen wirklich ständig größer und besser werden? Solange es keinen konzertierten globalen Systemwechsel gibt, lautet die kurze Antwort: ja. Wer heute nicht in neue Produkte investiert und seine Marktposition mindestens verteidigt, wird vom Wettbewerb überrannt. Das liegt auch daran, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung schlicht nicht reich genug ist, um sich mit der Frage aufzuhalten, ob ihr Streben nach Wohlstand sie am Ende womöglich kaputt macht.

Der Druck gilt auch für die Private-Equity-Branche selbst. Firmen, die nur Cash abziehen, finden rasch niemanden mehr, der ihnen etwas ver- oder abkauft. Wenn man aus einem Investment "rausgeht", wie die Branche sagt, muss Musik drin sein. Doch das gelingt selbst Legenden nicht immer.

Auf die Kraftfahrzeugzubehörkette ATU angesprochen, wird Freise beispielsweise wortkarg. 2004 hatte KKR die Firma übernommen, und obwohl sie noch Geld nachschoss, ging es mit ATU bergab; vor allem der Reifenhandel im Netz setzte ihr zu. Viel könne er dazu nicht sagen, meint Freise. "Ich habe das Thema bei uns nicht betreut, tut mir leid." KKR musste wegen ATU angeblich eine halbe Milliarde Euro abschreiben.

Mehr Mitbestimmung durch Beteiligung

Solche Ausfälle kann keine Beteiligungsgesellschaft leichtnehmen. Denn die eigenen Geldgeber - Pensionskassen, Versicherungen, Universitäten oder reiche Privatleute - können zwar damit leben, wenn die jährliche Rendite eines Fonds von den üblichen 15 bis 20 Prozent mal unterboten wird. Aber hohe Verluste schaden dem Ruf.

Private Equity ist ohnehin kein Eldorado mehr. Es gibt mehr Wettbewerb und weniger spektakuläre Deals. Wer im Markt bleiben will, muss kleinere Beteiligungen und Margen akzeptieren. Und er muss, wie Freise sagt, "Partner" sein. Wie vor zehn Jahren, als KKR den Münchner Triebwerkshersteller MTU Aero Engines erfolgreich an die Börse brachte. Der Gewinn der Amerikaner - wie immer nicht offiziell - soll knapp 600 Millionen Euro betragen haben. Zum Schaden der Firma? Im Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung fand der MTU-Betriebsratschef damals erstaunliche Worte über KKR. Die Mitbestimmung sei durch die Beteiligungsfirma erst "richtig ins Rollen gekommen". Angeführt von deren Europa-Chef Johannes Huth hätten Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem Management im Aufsichtsrat zum ersten Mal konsequent auf die Finger geschaut. Und das, obwohl sich Huth Heuschreckenwitze habe anhören müssen.

Man muss kein Fan von Beteiligungsfirmen sein. Aber es ist falsch, sie pauschal als Schädlinge abzustempeln, die anderer Leute Arbeit auffressen. Oft ist das Gegenteil wahr. Dann liefern Männer wie Philipp Freise den Dünger, ohne den ein Unternehmen mit Potenzial, aber wenig Geld chancenlos wäre. In dem Fall sind es die Turbokapitalisten, die verhindern, dass der Kapitalismus eine Firma kaputt macht.

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© SZ vom 03.07.2015/sebi
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