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Porzellanmanufakturen:Ein Leidensweg

Die Porzellanstraße ist ein 550 Kilometer langer Weg durch Oberfranken und die Oberpfalz. Er verbindet Industrieruinen, Museen, Werksverkäufe und Fabriken.

Heinrich Veit ist der offizielle Hüter der Vergangenheit. Seit vier Jahren ist der 69-Jährige Vorsitzender des Vereins Porzellanstraße. Dieser Weg schlängelt sich 550 Kilometer durch Oberfranken und die Oberpfalz und verbindet Städte, die durch das "weiße Gold" bekannt wurden: Selb, Weiden, Coburg, Bayreuth gehören dazu, und Hohenberg an der Eger, wo Carolus Magnus Hutschenreuther 1814 die erste Porzellanfabrik der Region gründete.

Die Stationen der Porzellanstraße

(Foto: Graphik: SZ)

Villa mit langer Geschichte

Seine alte Villa beheimatet seit 1978 das Deutsche Porzellanmuseum, eine Außenstelle des Museumskomplexes Porzellanikon in Selb. Auch es ist ein Denkmal, untergebracht in einer 1866 von Jakob Zeitler gegründeten Fabrik. 1917 hatte sie Philipp Rosenthal übernommen. 1969 wurde die Fabrik stillgelegt, und das Gebäude stand mehr als 20 Jahre leer.

Fast 50 solcher "Stationen" listet der Führer Porzellanstraße auf, den der Verein herausgibt. Das Wort Stationen liest sich fast wie Wegmarken eines Leidensweges - und das ist die Straße auch auf ihre Art.

In vielen Orten gibt es keinen Porzellanhersteller mehr, dafür Werksverkäufe, Industrieruinen und Museen, öffentliche und private Sammlungen. "In einer Internet-Abstimmung des Mitteldeutschen Rundfunks über die schönsten Traumstraßen Deutschlands schaffte es die Porzellanstraße vergangenes Jahr auf Platz fünf", sagt Veit stolz. Immerhin gibt es rund 150 solcher Themenstraßen. Viele der nach einem Industriezweig benannten Wege entstanden erst, als die Branche ihre Blütezeit hinter sich hatte.

Der Verein Porzellanstraße wurde 1990 gegründet. Seither hat die Industrie einen enormen Strukturwandel durchgemacht. Durch die Wiedervereinigung sprang die Zahl der Beschäftigten in Ost und West um 10.000 auf 28.000. Fünf Jahre später war nach Angaben des Verbandes der keramischen Industrie (VKI) nur noch ein Viertel davon übrig. Mittlerweile beschäftigt die Industrie noch 6500 Mitarbeiter, gut 1000 davon in den Manufakturen.

Fürstliches Porzellan

Die älteste und berühmteste ist die Manufaktur Meissen, gegründet 1710 von August dem Starken. Nach ihm "leisteten" sich auch andere europäische Fürsten eigene Porzellanmanufakturen. Die ersten bürgerlichen Werkstätten entstanden etwa ein halbes Jahrhundert später in Thüringen, Anfang des 19. Jahrhundert folgten Fabriken in Nordbayern.

Veits Verein zählt heute 61 Mitglieder, das Gros stellen Städte und Gemeinden. Veit hat viele Firmen Pleite gehen sehen. "Es tut mir immer weh, wenn ein Porzellanhersteller aufgeben muss", sagt er. Besonders schmerzhaft dürfte für ihn die Insolvenz von Rosenthal sein. Es verbindet ihn viel mit dem Unternehmen: Veit wohnt in Erkersreuth, im dortigen Schloss legte Philipp Rosenthal 1879 mit einer Porzellanmalerei den Grundstock der späteren Rosenthal AG.

Das weiße Geschirr kaufte er seinerzeit bei Hutschenreuther ein. Veit hat fast 50 Jahre lang für das Unternehmen gearbeitet - bis Ende 2003. "Früher war ich ein stolzer Rosenthaler", sagt er. "Heute bin ich ein stolzer, aber trauriger Rosenthaler."

Zeichen der Zeit

Philip Rosenthal, der 2001 verstorbene Sohn des Firmengründers, "war ein Mensch und Visionär", erinnert sich Veit. Solche Sätze lassen Rückschlüsse darauf zu, was dem Unternehmen zuletzt wohl gefehlt hat. Rosenthal - von 1958 bis 1981 Vorstandschef - engagierte Architekten und Künstler. "Werksverkäufe hat er abgelehnt. Rabatte gab es nur für Mitarbeiter", sagt Veit. Der Vereinschef selbst hat nichts gegen Werksverkäufe. "Sie sind ein Zeichen der Zeit."

Veit hat nicht erzählt, dass es noch eine Porzellanstraße gibt, ganz in der Nähe. 1992 wurde der Verein Thüringer Porzellanstraße gegründet. Dieser Weg ist rund 340 Kilometer lang. In der Internet-Abstimmung des Senders MDR landete er auf Platz drei.