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Politik der amerikanischen Notenbank:Fluch des billigen Geldes

Die amerikanische Notenbank löst mit ihrer aggressiven Politik weltweit Unruhe aus. Kritiker sehen darin den Versuch, den Wechselkurs des Dollar zu drücken. Das hilft der heimischen Export-Wirtschaft. Es setzt aber andere Länder unter Druck - und könnte Inflation in den USA auslösen.

Nikolaus Piper, New York

Das böse Wort ist wieder in der Welt: "Währungskrieg". Guido Mantega, Finanzminister Brasiliens, äußerte scharfe Kritik an der Politik des noch billigeren Geldes, die die amerikanische Notenbank Federal Reserve seit voriger Woche verfolgt. Diese Politik sei "protektionistisch", sagte er in einem Interview der Financial Times. Sie werde Währungskriege provozieren mit potentiell verheerenden Folgen für den Rest der Welt.

Wall Street Aristocracy Got $1.2 Trillion in Secret Loans at Lowest Rates

Das Gebäude der US-Notenbank in Washington: Die Politik der Fed ist auch innerhalb des Landes umstritten.

(Foto: Bloomberg)

Fed-Präsident Ben Bernanke hatte den neuen Kurs der Fed am Donnerstag voriger Woche bekannt gegeben: Die Notenbank werde monatlich für 85 Milliarden Dollar Hypothekenanleihen und Staatspapiere kaufen und in entsprechendem Umfang neues Geld schaffen - und zwar so lange, "bis sich die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt verbessern". Eine so explizite Ausrichtung der Geldpolitik am Ziel der Vollbeschäftigung hatte es in den Vereinigten Staaten vorher noch nie gegeben.

Kritiker wie Guido Mantega sehen im neuen Kurs einen Versuch, den Wechselkurs des Dollars zu drücken und so amerikanische Exporte zu Lasten anderer Länder zu fördern. Tatsächlich hat die Entscheidung den Dollar unter Druck gesetzt. So hat sich zum Beispiel der Euro gegenüber der amerikanischen Währung während der vergangenen zehn Tage von 1,27 auf 1,30 Dollar verteuert - und dies obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) ihrerseits ein Programm zum unbegrenzten Kauf italienischer und spanischer Staatsanleihen verkündet hat. Nach einem Dollar-Index des Wall Street Journals hat sich die US-Währung im vergangenen halben Jahr gegenüber einem repräsentativen Kurs anderer Währungen um sechs Prozent verbilligt.

Besondere Probleme bekommen durch diese Politik Währungen dynamischer Volkswirtschaften, in denen höhere Zinsen gezahlt werden als in den USA oder der Euro- Zone. Sie ziehen heißes Spekulationskapital an, was den Wechselkurs in die Höhe treibt und die Realwirtschaft Wettbewerbsfähigkeit kostet. Brasilien wehrt sich schon seit zwei Jahren relativ erfolgreich mit Interventionen am Devisenmarkt gegen die Dollarschwemme. Der brasilianische Real wurde in den letzten zehn Tagen zwar nur um 0,3 Prozent aufgewertet.

Allerdings ist der Aufschwung in dem Schwellenland auch fast schon zu Ende, was die heftige Reaktion des Finanzministers erklären könnte. Andere Länder hat die Fed-Entscheidung härter getroffen. Der mexikanische Peso wurde seither um 2,7 Prozent teurer, der koreanische Won um 1,6 Prozent und der polnische Zloty sogar um 4,3 Prozent.

"Wenn das außer Kontrolle gerät, werden die Märkte reagieren"

Die Bank von Japan hatte am vorigen Mittwoch auf die Fed reagiert. Sie weitete ihr eigenes Programm zur Geldschöpfung von 70 auf 80 Billionen Yen aus; dessen Dauer wurde um ein halbes Jahr bis auf Mitte 2013 ausgedehnt. Ziel der Maßnahmen ist es, den Kurs des Yen zu drücken und die japanischen Exporte zu fördern. Auch die türkische Zentralbank senkte die Zinsen, von der Bank auf England wird in absehbarer Zeit ein eigenes Programm zur Ausweitung der Geldmenge erwartet.

Unterdessen hat sich die Debatte um die Politik der Fed in den Vereinigten Staaten verschärft. Der Präsident der Federal Reserve Bank von Minneapolis, Narayana Kocherlakota, hat sich dafür ausgesprochen, mit der Geldpolitik noch aggressiver gegen die Arbeitslosigkeit vorzugehen. Vorausgesetzt die Preise bleiben stabil, "sollte der Leitzins außergewöhnlich niedrig bleiben, bis die Arbeitslosenquote unter 5,5 Prozent gefallen ist", sagte Kocherlakota bei einer Rede in Ironwood (US-Bundesstaat Michigan. Derzeit liegt Arbeitslosigkeit bei 8,1 Prozent.

Die Fed hatte im Rahmen ihres Beschlusses vorige Woche erklärt, sie werde den Leitzins mindestens bis Mitte 2015 bei nahe Null zu lassen. Sie rechnet dann mit einer Arbeitslosenquote von 6,0 bis 6,9 Prozent. Kocherlakotas Rede sorgte vor allem deshalb für Aufsehen, weil der für den Norden der USA zuständige Fed- Präsident eigentlich als "Falke" gilt, das heißt, er macht sich normalerweise mehr Sorgen um Preisstabilität als um Vollbeschäftigung. Seine Äußerungen könnten auf einen generellen Stimmungsumschwung bei der Fed hindeuten.

Im Kern der Debatte steht immer die Frage, ob das Geld, das die Fed in die Wirtschaft pumpt, irgendwann zu Inflation führen wird und ob die Notenbank dann gegensteuern kann und will. Derzeit gibt es in den USA keinerlei Hinweise auf eine drohende Teuerung. Die Inflation liegt deutlich unter der von der Fed angestrebten Rate von 2,0 Prozent. Aber das könnte sich ändern, wenn die Zeiten besser werden. Daher warnte der Chef der Federal Reserve Bank von Texas, Richard Fisher, einer der Kritiker Bernankes: "Wir haben einen scharfen Anstieg der Inflationserwartungen gesehen", sagte er Bloomberg Radio. "Wenn das außer Kontrolle gerät, werden die Märkte reagieren." Nach Berechnungen von Tim Duy, Ökonom an der Universität von Oregon, ist die an den Finanzmärkten erwartete Inflationsrate seit dem Fed-Beschluss von 1,2 auf 1,8 Prozent gestiegen - noch keine besorgniserregende Zahl.

Andere glauben, dass die Fed mit ihrer Niedrigzinspolitik Entwicklungen in Gang gesetzt hat, die demnächst gefährlich werden könnten. Mohammed El-Erian, Chef des Vermögensverwalters Pimco - einem Tochterunternehmen der Allianz-Gruppe - meinte, die Amerikaner sollten sich mittelfristig auf höhere Preise einstellen. Bisher sei die Gefahr eines "ungeordneten Preisverfalls" größer gewesen als die steigender Preise, schrieb El-Erian in einem Zeitungsbeitrag. Dies habe sich nun aber geändert: "Es gibt bei manchen ein wachsendes Gefühl, die heutige Fed werde höhere Inflation nicht nur tolerieren, sondern auch herbeiwünschen, wenn nicht gar regelrecht anstreben."

© SZ vom 22.09.2012/fran
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