Plastik Kommt doch in die Tüte

Der Plastiktaschen-Verbrauch hat sich in Deutschland in nur zwei Jahren mehr als halbiert. Stattdessen greifen viele Händler und deren Kunden zu Papierbeuteln - und deren Ökobilanz ist nicht viel besser.

Von Michael Kläsgen und Vivien Timmler

Ein Mola Mola, auch Mondfisch genannt, schnappt nach einer Plastiktüte - die er wohl für eine Qualle hält. Jedes Jahr sterben Millionen Fische, weil sie Plastik schlucken. Foto:

(Foto: Paulo de Oliveira/Photoshot Creative/mauritius images)

Die Zahlen beeindrucken zunächst einmal, aber sie sind mit Vorsicht zu interpretieren. Immer weniger Menschen tragen ihre Einkäufe in Plastiktüten nach Hause. Binnen zweier Jahre hat sich der Verbrauch von Plastiktüten in Deutschland nach Angaben der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) mehr als halbiert. 2017 lag er demnach pro Kopf bei 29 Tüten. Das waren 3,2 Milliarden weniger als noch 2015, als 5,6 Milliarden Kunststoff-Tragetaschen in Umlauf gebracht wurden.

Der Einzelhandelsverband HDE wertet das als Erfolg seiner Strategie, Supermärkte, Discounter und Modehäuser im Rahmen einer Selbstverpflichtung zur Reduktion des Plastiktüten-Aufkommens bewegt zu haben. Umweltschützer halten dagegen, die Selbstverpflichtung sei nur ein "Instrument zur Verhinderung, dass der Verbrauch auf null zurückgegangen ist", wie Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe sagt. In Dänemark und Finnland liege der Pro-Kopf-Verbrauch im einstelligen Bereich, weil es dort eine einheitliche Steuer auf die Tüten gebe. Deswegen bleibt die Umwelthilfe bei ihrer Ansicht, eine bundeseinheitliche Mindestabgabe von 20 Cent sei das Beste.

"Hemdchen-Beutel" für Obst und Gemüse sind von der Regelung immer noch ausgenommen

Deutschland musste handeln, weil die EU beschlossen hatte, den Verbrauch an Tüten einer bestimmten Stärke in jedem Mitgliedsland bis 2025 auf maximal 40 Stück pro Kopf zu senken. Deutschland liegt nun bereits elf Tüten pro Kopf unter diesem Wert. Der HDE hatte die Politik davon überzeugt, von einem Verbot abzusehen. Stattdessen müssen Kunden seit Juni 2016 an vielen Kassen für Tüten zahlen. Mal zehn, mal 15, in einigen Läden sogar 30 Cent. Das Ziel: die Kunden zum Verzicht zu bewegen.

Aber wäre die Reduktion auch so rasant verlaufen, wenn die Händler nur eine Abgabe genommen und niemand sie ganz aus dem Verkehr gezogen hätte? Das ist nicht sicher. Selber HDE-Geschäftsführer Kai Falk sagt, einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg sei, dass manche Händler die Tüten ganz verbannten, darunter große Ketten wie Rewe, Penny, dm, Kik oder Aldi. Deren Kunden haben schlicht nicht mehr die Möglichkeit, eine Plastiktüte zu verwenden. Andererseits sagt GVM-Geschäftsführer Kurt Schüler, dass auch die Verbraucher zur Reduktion beigetragen haben. Es sei ein Bewusstseinswandel eingetreten, weil über Sinn und Zweck von Plastiktüten diskutiert werde.

Der rapide Schwund des Tütenaufkommens ist gleichwohl kein Garant für den Erfolg von Selbstverpflichtungen generell. "Hier zogen alle an einem Strang", sagt Schüler: Verbraucher, Händler und der Verband. Wobei HDE-Geschäftsführer Falk selber einräumt: "Selbstverpflichtungen funktionieren nur, wenn die Unternehmen, die den meisten Umsatz machen, mitziehen."

Aber sind 29 Tüten pro Jahr und Verbraucher überhaupt ein Erfolg?

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zumindest sieht in dem sinkenden Verbrauch den Beweis, dass Einwegplastiktüten überflüssig sind: "Sie sind heute ein Auslaufmodell, auch, weil es gute Alternativen gibt."

Zu den Alternativen zählen jedoch auch Einweg-Papiertüten, deren Ökobilanz nicht viel besser ist als die von Plastik-Einwegtüten. Das behaupten nicht nur Umweltschützer, das räumt auch der HDE ein. Groben Schätzungen der Deutschen Umwelthilfe zufolge werden 20 bis 30 Prozent der Plastiktüten heute von Einweg-Papiertüten ersetzt. Belastbare Zahlen darüber gibt es nicht, auch nicht von der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung. Die befragte viele Unternehmen zwar im Rahmen der Plastiktüten-Umfrage danach, aber "der Rücklauf war gering", wie Schüler sagt. Die Händler könnten gute Gründe dafür gehabt haben, die Zahlen nicht zu nennen. Fest steht nur: Infolge des Plastiktüten-Schwunds stieg der Papiertüten-Verbrauch. Nur in welchem Umfang, ist unklar. Fest steht allerdings auch, dass er ihn nicht kompensierte.

Für die Herstellung von Papiertüten sind viele Ressourcen nötig, darunter Zellstoff, Wasser, Energie, vor allem aber Chemikalien. Hinzu kommt, dass die Papiertüten aufgrund ihrer Wasseranfälligkeit meist nur wenige Male benutzt werden können. Sie brechen bei Feuchtigkeit leicht durch.

Das trägt zu ihrer zweifelhaften Ökobilanz bei. Empfehlenswerter sind Mehrwegtragetaschen aus Baumwolle oder Jute, zumindest dann, wenn man sie auch mehrmals benutzt. Die ökologisch sinnvollste Variante jedoch: die klitzeklein zusammenfaltbaren Beutel aus Polyester, die sich immer häufiger an Supermarktkassen finden. Laut Umweltbundesamt sind sie die umweltfreundlichste Alternative zur Plastiktüte. Sie halten in der Regel bis zu zehn Kilo aus - deutlich mehr als alle anderen Tragetaschen - und halten am längsten. Benjamin Bongardt, Verpackungsexperte beim Naturschutzbund, sagt: "Mehrfachnutzung ist das Entscheidende."

Er bedauert, dass die Plastiktüten-Debatte nicht der Einstieg in eine große Diskussion darüber geworden ist, wie Müll generell vermieden werden kann. Obst und Gemüse würden heute viel häufiger unnötig verpackt als noch vor zwei Jahren, sagt er. Und laut Statistischem Bundesamt steigt die Müllmenge in Deutschland weiter ungebremst. Kunststoffabfall insgesamt nimmt ebenfalls zu. Gleichzeitig steigt allerdings auch die Recylingquote: Mehr als 80 Prozent der Abfälle in Deutschland werden wiederverwertet, rechnet das Statistikamt vor.

Man kann einwenden, dass es die Unternehmen sind, die an den Gebühren für Plastiktüten verdienen, und dass die sogenannten "Hemdchen-Beutel" für Obst und Gemüse von der Regelung ausgenommen sind. Aber Verpackungsmarktforscher Kurt Schüler findet, man solle den Erfolg bei den Plastiktüten trotz allem nicht kleinreden.