Sylvia Eichelberg:"Wer loslässt, hat die Hände frei"

Sylvia Eichelberg: "Das Thema Gesundheit finde ich sehr attraktiv, es ist nah am Menschen", sagt Sylvia Eichelberg.

"Das Thema Gesundheit finde ich sehr attraktiv, es ist nah am Menschen", sagt Sylvia Eichelberg.

(Foto: Gothaer/oh)

Sylvia Eichelberg ist die neue Chefin der Gothaer Krankenversicherung. Ihr Motto: Versicherer müssen in Bewegung bleiben.

Von Ilse Schlingensiepen, Köln

Lockdown - und dann ein neuer Job in einem anderen Unternehmen. Das ist nicht einfach, erst recht nicht, wenn man gleich den Vorstandsvorsitz übernimmt. Sylvia Eichelberg, seit dem 1. Januar 2021 Chefin der Gothaer Krankenversicherung in Köln, hat aus der Not eine Tugend gemacht. Sie ist digital durch Deutschland gereist und hat virtuell mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gearbeitet.

Der Start unter Corona-Bedingungen sei eine echte Herausforderung gewesen, sagt Eichelberg. Sie musste sich überlegen, wie sie die Organisation, die Kundinnen und Kunden sowie die Mitarbeitenden kennenlernen konnte. Am liebsten hätte sie alle in der Kölner Zentrale persönlich begrüßt und wäre in die Büros gereist, aber das ging nicht. "Ich bin jemand, der den Menschen beim Kennenlernen gern in die Augen schaut." Auch auf einen weiteren wichtigen Test musste sie verzichten: Wie fest ist der Händedruck ihres Gegenübers?

Dafür konnte sie auf dem Online-Weg mit vielen Menschen in Kontakt treten, viel mehr, als sie mit persönlichen Besuchen geschafft hätte. Bei der Belegschaft der Gothaer Krankenversicherung in der Kölner Zentrale und den regionalen Standorten hat sie an vielen Arbeitsplätzen virtuell hospitiert, indem sie auf die Computer geschaltet wurde. "Ich kann dann mit den Mitarbeitenden darüber sprechen, mit welchen Themen sie beschäftigt sind, wo es bei der Arbeit hakt, welche Ideen sie haben", sagt Eichelberg. Das sei oft sogar einfacher, als wenn sie physisch neben den Menschen sitzt.

Der digitale Austausch war pandemiebedingt, das Hospitieren an sich aber nicht neu für die 41-Jährige. "Das habe ich in der Vergangenheit immer wieder gemacht."

Sie hat sich schon frühzeitig für Versicherungen interessiert

Eichelberg hat in Münster und Mexiko-Stadt Jura studiert und sich früh für eine Spezialisierung im Bereich Versicherung entschieden, während viele Kommilitoninnen und Kommilitonen sich lieber den Banken zuwandten. Zu ihren beruflichen Stationen gehören die Forschungsstelle für Versicherungswesen in Münster, die Großkanzlei Noerr und der US-Versicherer Chubb, für den sie in Australien war. In Deutschland hat sie zunächst beim Ergo-Konzern in Düsseldorf gearbeitet und ist dann zu Axa nach Köln gewechselt. Die promovierte Juristin ist verheiratet, hat zwei Töchter und ist begeisterte Hobbygärtnerin.

Bei Axa hat sie das Firmenkundengeschäft geleitet, bevor sie zur Gothaer wechselte. Die Gothaer gehört zu den mittelgroßen Versicherern, ein Schwerpunkt ist die Versicherung von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Das war also nicht neu für Eichelberg. Die private Krankenversicherung kannte sie indirekt von Axa und Ergo, beide Konzerne haben große Krankenversicherer. Allerdings war sie bislang selbst nicht in der Leitung einer solchen Gesellschaft tätig. "Das Thema Gesundheit finde ich sehr attraktiv, es ist nah am Menschen."

Das zeigt sich gerade in der Corona-Krise. "Trotz der wirtschaftlich schwierigen Situation sparen die Menschen nicht an der Gesundheit, sie kündigen die Verträge nicht", hat sie festgestellt. Bei der Zahl der versicherten Personen konnte die Gothaer Krankenversicherung im vergangenen Jahr um 8,9 Prozent stark zulegen. Das war ausschließlich auf die Zusatzversicherungen zurückzuführen. Im für die Branche wichtigsten Geschäftsfeld der Vollversicherung musste das Unternehmen dagegen einen Rückgang um 2,8 Prozent auf 130 000 Versicherte hinnehmen.

Gut gelaufen ist es in der betrieblichen Krankenversicherung. Dabei schließen Arbeitgeber für die Belegschaften oder Teile davon private Zusatzversicherungen als Ergänzung zur Versicherung durch die gesetzliche Krankenkasse ab.

"Das Thema Corona hat uns sehr viel Rückenwind gegeben."

Die betriebliche Krankenversicherung dient zum einen der Mitarbeitergewinnung und -bindung. Zum anderen hoffen die Unternehmen auf eine bessere Gesundheitsversorgung der Belegschaft und dadurch sinkende Ausfallkosten. "Das Thema Corona hat uns sehr viel Rückenwind gegeben."

Die Gothaer Krankenversicherung verzeichnet durch die Pandemie auch ein gestiegenes Interesse der Kunden an digitalen Dienstleistungen. "Telemedizinische Angebote wie die Videosprechstunde werden stärker angenommen."

Das Kölner Unternehmen hat wie viele andere private Krankenversicherer das Ziel, sich als Gesundheitsdienstleister für die Kunden zu positionieren und eine aktive Rolle in ihrer Versorgung einzunehmen. Dabei wird die Digitalisierung immer wichtiger. Ein Tochterunternehmen hat gerade eine App entwickelt, die Kunden Informationen rund um die Gesundheit liefert, sie aber vor allem bei der Behandlung gezielt unterstützt und durch die einzelnen Versorgungsschritte begleitet.

Der Versicherer setzt nicht nur auf Eigenentwicklungen, sondern auch auf Partnerschaften. "Wenn wir sehen, dass jemand ein gutes Konzept hat, dann müssen wir es nicht selbst machen, sondern kaufen die Dienstleistung ein." Eichelberg geht es darum, dass der Versicherer in Bewegung bleibt. Man dürfe nicht 20 Jahre an einer Lösung festhalten, nur weil man sie irgendwann mal implementiert hat, betont sie. Wenn man etwas nicht mehr brauche, müsse man sich davon verabschieden und Freiräume für Neues schaffen. Eichelbergs Motto: "Wer loslässt, hat die Hände frei."

© SZ
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