Einkommen Ungleichheit kann auch fair sein

Wenn der Mensch Ungleichheit durch persönliche Leistung oder berufliche Qualifikation beeinflussen kann, muss sie nicht per se unfair sein.

(Foto: dpa)

Viele Deutsche beklagen einen Mangel an sozialer Gerechtigkeit. Aber was ist eigentlich gerecht? Drei Ökonomen haben sich auf die Suche gemacht.

Von Nikolaus Piper

Geht es in diesem Land gerecht zu? Was für eine Frage, werden die meisten antworten. Natürlich nicht, im Gegenteil. Dass die Unterschiede zwischen oben und unten immer größer, die Verhältnisse in Deutschland mithin immer ungerechter werden, das gilt in der öffentlichen Meinung der Republik als ausgemacht. Weniger Klarheit herrscht dagegen, wenn es darum geht, wie eine gerechte Verteilung der Einkommen aussehen würde. Die wenigsten wollen, wenn man sie fragt, dass alle das Gleiche verdienen, unabhängig davon, was sie leisten. Aber welche Einkommensverteilung ist dann gerecht? Unter Ökonomen gibt es dazu krass unterschiedliche Ansichten. Für die einen ist Ungleichheit per se schlecht (Thomas Piketty wurde mit dem Thema berühmt), für andere ist Ungleichheit überhaupt kein Problem, weil sie darauf bauen, dass die Armen indirekt auch vom Wohlstand der Reichen profitieren ("Trickle-Down-Effekt").

Der Streit ist unvermeidlich, denn Gerechtigkeit kann man nicht messen. Was jemand als gerecht betrachtet, ist immer eine Frage der Wertung, und die änderte sich im Laufe der Geschichte fundamental. Gott rettete Noah und seine Familie bei der Sintflut, weil er ihn als "gerecht" erkannt hatte (1. Mose 7,1). Das bedeutete einfach: Noah hatte die Gebote Gottes eingehalten. Im Mittelalter forderte Thomas von Aquin, dass ein gerechter Lohn nach dem "Stand", also der sozialen Stellung des Entlohnten, gezahlt werde. Für die konservativen italienischen Theologen Luigi Taparelli und Antonio Rosmini, die im 19. Jahrhundert den Begriff der sozialen Gerechtigkeit erfanden, wollten sie, dass jeder das bekam, was ihm "zustand". Mit dem heutigen Gebrauch des Wortes hat das nichts zu tun.

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Heute gibt es nicht nur "soziale Gerechtigkeit", sondern auch "Gendergerechtigkeit", "gerechte" Sprache und vieles mehr. Der Streit um eine "gerechte" Einkommensverteilung geht dabei immer weiter. Das wird sich wohl auf absehbare Zeit auch nicht ändern. Vielleicht aber ist es möglich, etwas informierter als heute über das Thema zu streiten. Dazu könnte eine Studie beitragen, die drei Ökonomen gerade in München veröffentlicht haben ("Measuring Unfair Inequality: Reconciling Equality of Opportunity and Freedom from Poverty, CESifo Working Paper No. 7119). Die Autoren, Paul Hufe und Andreas Peichl vom Ifo-Institut und Ravi Kanbur von der Cornell University, suchen, wie der Titel sagt, nach einer "fairen" Einkommensverteilung.

Ungleichheit, so die Ausgangsthese der Autoren, ist als solche noch kein Problem - solange sie nicht unfair wird. Fair ist Ungleichheit dann, wenn sie durch Faktoren erzeugt wurde, die Individuen selbst beeinflussen können, wie persönliche Leistung oder berufliche Qualifikation. Unfair wird sie hingegen, wenn sehr viele Menschen in die Armut rutschen. Statistisch gesehen, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Unfair ist es außerdem, wenn die Ungleichheit stark von Dingen abhängt, die außerhalb der Kontrolle des oder der einzelnen liegen: den Berufen der Eltern, deren Bildung, dem Geschlecht oder dem Migrationshintergrund.

Sehr instruktiv ist das Beispiel Amerika. Ökonom Hufe sagt: "In den USA ist die Entwicklung tatsächlich von den 1990er-Jahren an stärker durch ungerechte Faktoren, ergo entweder Armut oder Chancenungerechtigkeit, getrieben." Über die Ursachen könne man nur bedingt etwas sagen, plausibel sei jedoch die Annahme, dass dies auch eine Spätfolge der Deregulierung in den 1980er-Jahren sei. Zum Beispiel: "Wenn man staatliche Wohlfahrtsprogramme kürzt, sinkt der Spielraum von (ärmeren) Eltern, finanzielle Investitionen in die Bildung ihrer Kinder zu tätigen. Sofern auf Grund dessen jene Kinder schlechtere Ergebnisse am Arbeitsmarkt erzielen, als Kinder aus reicheren Elternhäusern, übersetzt sich staatliche Sparpolitik direkt in eine Steigerung der Chancenungerechtigkeit."

In Europa sind die Einkommen am fairsten in den Niederlanden verteilt

Die Forscher fassen ihre Ergebnisse in Ländertabellen zusammen. Innerhalb Europas sind die Einkommen demnach am fairsten in den Niederlanden verteilt. Nur 7,0 Prozent der Unterschiede dort sind unfair. Nur wenige Niederländer leben also in Armut, sehr viele können ihr Einkommen durch eigene Leistungen steigern. Mit 31,6 Prozent besonders unfair sind die Einkommen in Italien verteilt. Das liegt daran, dass es dort im Verhältnis sehr viele Arme gibt. Deutschland steht mit 11,6 Prozent unfairer Verteilung noch vergleichsweise günstig da. Bemerkenswert sind die Zahlen für die Vereinigten Staaten. Hier hatten die Forscher Daten, die bis ins Jahr 1969 zurückreichen. Damals lagen die USA mit einer unfairen Verteilung von 16,6 Prozent international im Mittelfeld. Nach 1996 ging die Zahl jedoch steil nach oben und landete 2012, dem letzten dokumentierten Jahr, bei 32,6 Prozent, womit die USA, was Unfairness angeht, an der Spitze liegen.

Die Zahlen der Forscher lassen sich sicher nicht direkt in praktische Politik umsetzen; sie basieren auf Modellrechnungen und sehr speziellen Annahmen. Aber mit ihnen kann man die Luft aus Sprechblasen herauslassen. Was hilft die von der Bewegung "Occupy Wall Street" erfundene Formel von dem "einen Prozent" der Superreichen, das angeblich den übrigen "99 Prozent" der Menschheit gegenübersteht, wenn die Chancen schon innerhalb dieser 99 Prozent ungleich verteilt sind? Ungleichheit hat auch nicht unbedingt Armut zur Folge. Wenn doch, muss man die gezielt bekämpfen, aber nicht "die" Ungleichheit. Und wenn man "Chancengerechtigkeit" will, wie die Autoren, dann muss man weniger von Umverteilung reden, als von ausreichend Kitas, besseren Schulen, besseren Bildungsabschlüssen und Hilfe zur Vermögensbildung, ganz altmodisch eben.

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