Kommentar:Traut euch, Versicherer

Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz

Das Hochwasser hat dieses Haus in Marienthal im Ahrtal (Rheinland-Pfalz) komplett zerstört.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Es muss endlich eine Pflichtversicherung bei Elementarschäden geben. Die Versicherer könnten hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

Von Friederike Krieger

Das Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wird Versicherer teuer zu stehen kommen. Der Branchenverband GDV rechnet mit Schäden zwischen vier und fünf Milliarden Euro. Das ist mehr, als die Versicherer für die Elbe-Flut 2002 zahlen mussten. Dabei sind die Zerstörungen, die das Tief "Bernd" in Bayern und Sachsen angerichtet hat, noch nicht eingerechnet.

Dennoch werden die Zahlungen nicht ausreichen, um die vielen Schäden abzudecken, die Menschen und Unternehmen entstanden sind. Ein Grund ist, dass längst nicht alle die nötige Zusatzdeckung gegen sogenannte Elementarschäden haben. In Nordrhein-Westfalen verfügen 47 Prozent der Gebäude über diese Police, in Rheinland-Pfalz sind es nur 37 Prozent.

Ganz anders sieht die Situation im von den aktuellen Unwettern verschonten Baden-Württemberg aus. Hier liegt die Versicherungsdichte bei 94 Prozent. Bis 1993 war es in diesem Bundesland Pflicht, Gebäude auch gegen Hochwasser zu versichern. Das wirkt nach.

Deftige Preiszuschläge

Die Diskussion um die Einführung einer bundesweiten Pflichtversicherung gegen Elementargefahren hat längst begonnen. Es ist kein Zufall, dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zu den Befürwortern gehört. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist dagegen, die Versicherer auch. Sie setzen offenbar darauf, dass Bilder von vollgelaufenen Kellern und verschlammten, zerstörten Häusern die Eigentümer dazu bewegen, aus eigenen Stücken tätig zu werden. Die Versicherer argumentieren, dass sich 99 Prozent der Gebäude versichern lassen, wenn es die Besitzer denn wollten.

Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass diese Versicherungen in Hochrisikogebieten mit deftigen Preiszuschlägen verbunden sind. Ein weiteres Argument, das GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen derzeit oft anführt: Eine Pflichtversicherung würde den Hausbesitzern den Anreiz nehmen, selbst vorzusorgen. Ernsthaft? Die meisten Menschen haben viel Schweiß und Geld in ihr Eigenheim investiert. Der Gedanke, dass sie es unterlassen, ihr Haus gegen eindringendes Wasser abzusichern, wirkt befremdlich.

Die Argumente, die derzeit ausgetauscht werden, sind dieselben wie nach den Überschwemmungen im Jahr 2013. Damals gab es auch große Schäden und eine hitzige Debatte um eine Pflichtversicherung. Passiert ist nichts. Es gibt sie nicht. Die Versicherungsdichte ist zwar etwas gestiegen, aber vielerorts immer noch nicht hoch genug.

Dieses Mal darf die Diskussion nicht wieder im Sand verlaufen - auch weil uns der Klimawandel künftig vermehrt solche Extremwetterlangen bescheren wird. Statt nach Hochwasserkatastrophen erst mal einen staatlichen Hilfsfonds zu organisieren, sollte es feste Strukturen geben - in Form einer Pflichtversicherung. Das beschleunigt auch die Auszahlung an die Betroffenen enorm.

Bei einer Pflichtversicherung würden zwar auch Wohnungseigentümer zur Kasse gebeten, die im vierten Stock wohnen. Sie nehmen wahrscheinlich selten eine Leistung in Anspruch, allerdings kann auch bei ihnen der Starkregen für einen vollgelaufenen Keller sorgen oder Fundamente unterspülen. Und die Milliarden, mit denen der Staat jetzt die Hochwasseropfer unterstützt, wachsen auch nicht auf Bäumen. Die Unterstützungsleistungen werden irgendwann in Form einer höheren Steuerlast auf die Allgemeinheit umgelegt.

Die Versicherungswirtschaft kann bei einer Pflichtversicherung zudem eine Vorreiterrolle einnehmen. Statt nur Argumente ins Feld zu führen, warum sie nicht funktioniert, sollten die Versicherer lieber ihre Energie darauf verwenden, eine tragbare Lösung zu entwickeln. Hohe Selbstbehalte, rigidere Bauvorschriften in Hochwassergebieten, mehr Hochwasserschutzmaßnahmen und eine Beteiligung des Staates an der Risikotragung können Elemente davon sein. Vorbilder gibt es schon - etwa in den Nachbarländern Belgien und Frankreich. Damit könnten die Versicherer auch einen wichtigen Beitrag für die Schließung des sogenannten Protection Gap leisten, also der Lücke zwischen wirtschaftlichen und versicherten Schäden, von der sie so oft reden.

© SZ
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