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Lieferdienst:Flaschenpost für Oetker

Dr. Oetker übernimmt Lieferdienst Flaschenpost

Mehr als 60 000 Getränkekisten liefern die Fahrer des Liefer-Start-ups Flaschenpost laut Unternehmen täglich aus.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Der Bielefelder Konzern übernimmt den Getränke-Lieferdienst - für angeblich mehr als eine Milliarde Euro. Die Übernahme ist für Oetker zugleich auch ein Eingeständnis.

Von Elisabeth Dostert und Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Wenn aus jedem Ärgernis eine Firma entstünde, müsste sich Deutschland wohl kaum um seine Zukunft sorgen. Dieter Büchl jedenfalls hat sich so sehr über schwere Wasserkisten und Lieferzeiten von Getränkeläden geärgert, dass er 2014 in Münster die Firma Flaschenpost gründete. Zwar mag die Idee, Bier und andere Getränke nach Hause zu liefern, für manchen Gründer zunächst ähnlich attraktiv anmuten wie die Digitalisierung des Gehstocks. Doch Büchls Ansatz, online bestellte Getränke aus eigenen Lagern mit eigenen Fahrern binnen zwei Stunden zu liefern, schlug so ein, dass er nach wenigen Monaten eine Pause einlegen musste, um sich zu sortieren. 2016 nahm Flaschenpost den Betrieb dann wieder auf: mit dem Ziel, den stationären Getränkemarkt zu ersetzen. Mittlerweile liefert das Start-up nach eigenen Angaben von 22 Standorten aus täglich mehr als 60 000 Kisten aus.

Und hat damit, wie nun offiziell mitgeteilt wurde, einen Käufer gefunden: Die Oetker-Gruppe aus Bielefeld will den Lieferdienst übernehmen, wie mehrere Medien berichten für eine Milliarde Euro. Eine größere Bestätigung kann es für ein Start-up kaum geben. Oetker selbst will sich zu Einzelheiten nicht äußern, weil die Übernahme noch vom Kartellamt geprüft wird. Über den Kaufpreis, heißt es in der Mitteilung, sei Stillschweigen vereinbart worden.

Oetker ist in jeder Hinsicht sehr viel größer als das Start-up: 2019 setzte das 129 Jahre alte Unternehmen mit mehr als 34 000 Beschäftigten weltweit 7,4 Milliarden Euro um. Gut die Hälfte davon entfiel auf das Geschäft mit Nahrungsmitteln wie Pizza, Backwaren und - unter dem Namen Coppenrath & Wiese - Torten. Ein gutes Drittel machten Bier, Sekt, Wein, Spirituosen und alkoholfreie Getränke aus: Zu Oetker gehören unter anderem auch Marken wie Jever, Schöfferhofer, Clausthaler, Henkell-Sekt oder Selters. Mit der Übernahme von Flaschenpost sichert sich Oetker also einen zusätzlichen Vertriebsweg.

Schon 2016 hatten sich der Konzern und das Jungunternehmen Gerüchten zufolge einmal angenähert. Aber dann gründete Oetker die Tochterfirma Durstexpress, die in der Szene als freche Kopie von Flaschenpost galt. Die Übernahme des Originals ist nun auch ein Eingeständnis, dass es Oetker aus eigener Kraft nicht schafft. Durstexpress ist bei Oetker Digital in Berlin angesiedelt, die Tochter soll zukunftsfähige Geschäftsmodelle entwickeln und identifizieren.

Zur täglichen Lieferleistung von Durstexpress wollte sich ein Oetker-Sprecher nicht äußern. Die Firma betreibe 14 Liefer-Hubs in zehn Städten und beschäftige rund 3500 Mitarbeiter. Flaschenpost hat nach eigenen Angaben 22 Standorte mit bis zu 400 Mitarbeitern und bis zu 150 Fahrzeugen je Standort. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisiert prekäre Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung in dem Start-up. "Für die Beschäftigten kann es nur besser werden", kommentiert NGG-Chef Freddy Adjan die Übernahme durch Oetker. Zu Umsatz und Ergebnis der Lieferdienste äußern sich weder das junge noch das alte Unternehmen. Flaschenpost gehörte bislang einer Gruppe internationaler Kapitalgeber, darunter auch heimische Investoren wie Vorwerk Ventures. Gründer Büchl sitzt mittlerweile im Aufsichtsrat.

"Traditionskonzernen wie Oetker fehlt die digitale DNA", sagt Tobias Kollmann, der an der Universität Duisburg-Essen E-Business und E-Entrepreneurship lehrt. Die Digitalisierung des Handels habe in der Corona-Pandemie noch einmal deutlich zugelegt, wie der Erfolg des US-Konzerns Amazon und von Lieferdiensten wie Delivery Hero zeige. "Die Menschen wollen schnell und bequem per Mausklick von zuhause aus bestellen", sagt Kollmann: "Das wird sich auch nicht mehr ändern." Digitale Geschäftsmodelle aufzubauen, brauche Zeit und Know-how. "In etablierten Konzernen ist insbesondere das Wissen nicht vorhanden, aber das Geld für Zukäufe", so Kollmann.

Ein Mehrweg-Kasten Bier wiegt 18 Kilogramm

An Geld fehlt es Oetker nicht. Vor drei Jahren verkaufte die Gruppe für 3,7 Milliarden Euro ihr Schifffahrtsgeschäft unter dem Dach der Reederei Hamburg Süd an die dänische Gruppe AP Moller-Maersk.

"Es gibt es einen sichtbaren Bedarf nach Hauslieferung", sagt ein Sprecher von Veltins, einer der größten Brauereien Deutschlands. Ein Mehrweg-Kasten Bier wiegt im Schnitt 18 Kilogramm; da habe nicht jeder Haushalt Zeit und Lust oder auch das Auto, um die Kiste nach Hause zu transportieren. Viele ältere Menschen brauchen ebenfalls Hilfe, wenn sie Getränkekästen kaufen. Flaschenpost sei es gelungen, vor allem in nordrhein-westfälischen Städten wie ein "Mytaxi für Getränke zu werden", so der Veltins-Sprecher. Flaschenpost gelte als preiswert und verlässlich. Noch seien Liefer-Start-ups ein kleines Segment, heißt es von der Großbrauerei. "Aber es ist für uns ein ganz normaler Vertriebskanal."

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart freut sich jedenfalls über den Deal - auch ohne Genehmigung der Kartellwächter. Die Übernahme durch Oetker zeige die Bedeutung von Start-ups für den Wandel in der Wirtschaft, twitterte der Minister.

© SZ/sry
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