Occupy-Gründer Kalle Lasn:"Ich habe Sympathien für die Tea Party"

Lesezeit: 5 min

Wird "Occupy" irgendwann ein Programm haben?

Im Moment geht es erst einmal darum, einfach die Party zu stören. An der Harvard-Universität haben Studenten Vorlesungen unterbrochen, weil sie nicht mehr akzeptieren wollen, dass ihnen die alte neoklassische Ökonomie beigebracht wird.

Was ist eigentlich falsch an der Standard-Wirtschaftswissenschaft, die sie "neoklassisch" nennen? Sie hat sich doch seit Langem bewährt.

Wie können Sie das fragen? In einer Welt mit Klimawandel und immer größerer Ungleichheit, wo die einen hungern, während die anderen Mercedes fahren.

Die Ökonomen haben diese Probleme doch nicht verursacht, sie analysieren sie. Man kann doch auch Geologen nicht dafür verantwortlich machen, dass es Erdbeben gibt.

Die Ökonomen predigen seit über 100 Jahren ein falsches Menschenbild, das der Physik entlehnt ist. Und das hat viele der Probleme verursacht. Vielleicht bedeutete "Occupy Wall Street" das Ende der neoklassischen Ökonomie.

In den Vereinigten Staaten findet im November eine wichtige Präsidentenwahl statt. Wie ist Ihre Position zu Barack Obama?

Viele junge Leute sind von Obama bitter enttäuscht. Er hat seine Prinzipien verkauft, um wiedergewählt zu werden. Die Leute hassen ihn, aber sie hassen Mitt Romney noch mehr, deshalb werden sie schließlich doch Obama wählen. So war das bei Wahlen hier immer. Aber das ist keine Lösung.

Und was ist die Lösung?

Wir müssen unsere Unzufriedenheit zeigen, wir müssen die Party stören.

Das klingt ein wenig, als käme es von der konservativen Tea Party.

Ich habe große Sympathien für die Tea-Party-Bewegung. Die Leute ziehen die falschen Schlüsse, aber sie teilen mit uns das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, dass das Land auf fundamentale Weise bankrott ist.

Können Sie sich vorstellen, mit der Tea Party gemeinsame Sache zu machen?

Was ich mir vorstellen kann, ist eine Bewegung zur Gründung einer dritten Partei. Und die wäre sicher auch für einige Leute aus der Tea Party attraktiv. Das bisherige Zweiparteiensystem ist eines der größten Probleme in den USA.

Und wie müsste diese dritte Partei Ihrer Meinung nach aussehen?

Wir sollten so etwas starten wie die Piraten in Europa. Die sind sehr horizontal organisiert. Nach meinem Gefühl legen die Piraten-Parteien bei Ihnen noch zu viel Gewicht auf die ganzen Internetthemen. Sie müssten eine breitere Themenpalette haben. Vielleicht wäre eine Mischung aus den Piraten und den Grünen das Richtige.

Wenn Sie wirklich eine neue Partei gründen wollen, wird die Zeit knapp. Bis zur Wahl sind es noch knapp vier Monate.

Wir sind nicht doof. Natürlich geht es nicht darum, diesmal schon mitzumachen. Aber wir können den Wahlkampf stören, Unruhe schaffen, die Stimmung beeinflussen, Schilder für Obama übermalen und so was. In vier Jahren hätten wir dann eine Chance.

Werden Sie dann in vier Jahren für das Amt des Präsidenten kandidieren?

Ich bin australischer Staatsbürger. Ich werde nicht kandidieren.

Kalle Lasn wurde 1942 in Tallinn (Estland) geboren. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges floh seine Familie nach Westen. Lasn wurde zunächst in ein Flüchtlingslager in Deutschland eingewiesen und wanderte später dann nach Australien aus. Seit 1970 lebt er in Vancouver in der kanadischen Provinz British Columbia. Kalle Lasn wurde stark geprägt durch die spontaneistischen Ideen, die während der Pariser Mai-Unruhen 1968 populär wurden - deren Anhänger Aktionen zum politischen Programm erklärten. 1989 gründete er mit einem Partner das Magazin "Adbusters", das sich vor allem gegen Konsumkultur und Umweltverschmutzung wendet. Über "Adbusters" wurde im Sommer 2011 die Idee verbreitet, symbolisch einen Platz nahe der Wall Street zu besetzen. Lasn gilt daher, zusammen mit dem Anthropologen David Graeber, als Initiator von Occupy Wall Street.

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