Nordzypern Ein Hauch Schadenfreude im türkischen Teil

Juweliere, Luxushotels, Spielcasinos: Der türkische Teil Zyperns profitierte stets vom Geld der Gäste aus dem reichen Süden. Jetzt steht der Norden mit seiner Lira plötzlich stärker da - doch die Kunden bleiben aus.

Von Christiane Schlötzer, Nikosia

Gold glänzt, und Edelsteine funkeln, was sind dagegen schon die matten Farben auf den Euro-Scheinen. Bei Ali Saygin ziert die wertvolle Ware Wände und Glasvitrinen. Der türkische Schmuckhändler hat einen Laden in bester Lage. Gleich nach den Straßensperren mit der Passkontrolle, an denen jeder vorbei muss, der vom griechischen in den türkischen Teil Zyperns will, gleich da lockt Saygins Laden: Gold, Diamond & Silver. Die Ledra- Straße, die berühmteste Einkaufsstraße im immer noch geteilten Nikosia, ist erst seit fünf Jahren wieder passierbar, nachdem sie fast ein halbes Jahrhundert lang mit Stacheldraht und Betonblöcken verbarrikadiert gewesen war.

Für Ali Saygin war die Öffnung der Flaniermeile ein großes Glück, denn seitdem strömen Tausende Touristen und auch betuchte Griechen aus dem Süd- in den türkischen Nordteil. Der Schmuckhändler kann nun aber eine gewisse Schadenfreude nicht verbergen. "Wie haben sie über uns gespottet, sie haben gesagt, ihr habt ja nichts, wir verdienen fünfmal so viel wie ihr", sagt Saygin. Den Zypern-Griechen sollte ihr tiefer Absturz "eine Lehre sein", meint der Mann, der viel versteht von Geld und Gold. Aber der Händler macht sich auch Sorgen. Um 20 Prozent sei sein Umsatz schon eingebrochen, erzählt er, weil die Nachbarn als Kunden ausbleiben.

Wie im griechischen Süd-Nikosia drängen sich auch im Norden viele Menschen vor den Geldautomaten. Die türkischen Banken aber sind freigiebig wie eh und je. Schlange stehen nur die Soldaten der türkischen Armee, für ihren Sold. Rund 40.000 Militärangehörige soll es im türkischen Inselteil geben. Sie tragen in ihrer Freizeit Zivil und treten sich in den engen Gassen fast auf die Füße. Die türkische Armee hatte den Norden der Insel 1974 nach einem kurzen griechischen Putsch eingenommen und ist bis heute geblieben.

Viele türkische Zyprer wären den langen Arm Ankaras gern los, sie haben 2004 für die Wiedervereinigung mit den Nachbarn gestimmt. Die Griechen aber lehnten den Friedensplan des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan in einem Referendum mit großer Mehrheit ab. Hätten auch die Griechen Ja gesagt, wäre Nord-Zypern kein türkischer Satellit mehr, sondern ein Teil der Europäischen Union - und der Krise.

Im Alltag nah beieinander

"Ich habe einen EU-Pass", sagt ein Stoffhändler in Nord-Nikosia und klopft auf seine Jackentasche, in der er das Dokument stets bei sich trägt. "Aber wir haben auch 70 Millionen Menschen in der Türkei hinter uns", meint der Geschäftsmann, der sich für das Motto entschieden hat: doppelt genäht hält besser. Zumal jetzt, da die Türkei boomt und Nord-Zypern gleich mit. Neue Einkaufszentren sind entstanden und Luxushotels. Die Türkei tritt auf wie ein Riese, der vor Kraft kaum laufen kann. Europaminister Egemen Bagis bot den Zypern-Griechen sogar an, sie könnten vom Euro zur Türkischen Lira wechseln.

Die türkische Währung ist auch das Zahlungsmittel in Nord-Zypern. Ein Kilo sonnengereifte Orangen kostet in der Markthalle in Nikosia eine Lira (umgerechnet etwa 42 Cent). Die historische Halle wurde jüngst hübsch restauriert - mit Geld von der EU. Auf neuen Schildern steht der alte Name: Bandabulya. Das ist die zyprisch-türkische Version des griechischen Wortes Pantopoleio: Lebensmittelgeschäft. Wenn es ums Alltägliche geht, ist man auf Zypern nicht so weit auseinander.