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Chinesischer E-Auto-Hersteller:Nio-Autos sollen bald in Europa fahren

BEIJING, CHINA - DECEMBER 16: William Li Bin, founder and chief executive officer of China s electric vehicle (EV) maker

William Li Bin: "Heute kommen wir nach Norwegen."

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/VCG)

Die Firma von William Li Bin will das chinesische Tesla sein, ist bereits mehr wert als BMW - und hat ein neues Ziel.

Von Christoph Giesen

William Li Bin: "Heute kommen wir nach Norwegen."

Einfach einen Autokonzern gründen, wie ein Start-up, mit ein paar ungeduldigen Investoren antreten gegen Volkswagen, Toyota oder Daimler, allesamt eingeführte Marken, Unternehmen mit Dekaden an Produktionserfahrung und etlichen Milliarden in der Kriegskasse. Eigentlich eine Schnapsidee, William Li, 46, hat es dennoch getan, den chinesischen Elon Musk nennen sie ihn seitdem in der Heimat.

Sein Vermögen taxieren die gängigen Reichenlisten auf umgerechnet knapp sechs Milliarden Dollar. Seine Firma Nio ist noch viel wertvoller, auf dem Papier sogar mehr als BMW. So ist das manchmal mit Börsenkursen und Start-ups. Die nackten Zahlen kennt aber auch Li: "BMW hat im ersten Quartal in China 200 000 Autos gebaut. Bei uns waren es 20 000." Bald schon fahren die ersten Nio-Wagen in Europa. "Heute kommen wir nach Norwegen", kündigt er bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Shanghai an. Nach dem Markteintritt in Skandinavien wolle man zügig in fünf weiteren europäischen Ländern Fuß fassen. Aber in welchen? In Deutschland? Oder Frankreich? "Was schlagen Sie vor?", stellt er als Gegenfrage, um dann zu antworten, dass man es rechtzeitig bekannt geben werde.

Geboren wurde Li Bin, den alle aber nur William nennen, während der Kulturrevolution 1974 in der zentralchinesischen Provinz Anhui. Seine Eltern arbeiteten damals auf einer Milchfarm. Zum Studium zog er nach Peking. Kurz nach dem Abschluss gründete er sein erstes Unternehmen, da war er 21 Jahre alt. 2000 startete er dann Bitauto, wer in China einen Wagen kaufen möchte, checkt auf dieser Website die Preise. Zehn Jahre später brachte er die Firma in den USA an die Börse. Eine Milliarde Dollar war Bitauto damals wert, als Li nach 13 Jahren ausstieg und sich Nio vornahm.

Design aus Deutschland, Software aus den USA, gefertigt in China

Die Idee entstand, als er seinen Freund Qin Lihong auf einer Party wieder traf. In den Neunzigern hatten sie an der Peking-Universität studiert, Li Soziologie, der Kumpel Rechtswissenschaften. Nach dem Studium verloren sie sich aus den Augen. Beide hatten in der Autoindustrie Karriere gemacht: Li hatte Bitauto gegründet, Qin war im Management des chinesischen Herstellers Chery gelandet. Sie kamen ins Gespräch, schnell waren sie sich einig, sie müssten etwas Großes, Neues anpacken - die Elektromobilität. Die Idee: Ein Elektroauto, das Design aus Deutschland, die Software aus dem Silicon Valley - gefertigt in China. 2015 eröffneten sie die ersten Büros in München, San José und Shanghai. Seit 2018 ist ihre Firma Nio an der New Yorker Börse notiert und ein Milliardengeschäft, nachdem es zwischenzeitlich beinahe so aussah, als gehe Nio die Puste aus: Die geplante eigene Fabrik musste der Konzern aufgeben und etliche Mitarbeiter entlassen.

Mit einem schnittigen Sportwagen, deutlich eleganter als die wuchtigen Elektro-Geländewagen, die Nio sonst im Angebot hat, fing es an: 2016 stellte Nio den schnellsten Elektro-Renner der Welt vor. Höchstgeschwindigkeit: 313 Kilometer pro Stunde. Gemessen am Nürburgring, quasi im Vorgarten der deutschen Autoindustrie. Ein paar dieser Wagen wurden gefertigt, für jeden Investor der ersten Stunde einen. Eine Straßenzulassung hat das Auto nicht, egal. Es ging einzig um das Signal: Eine chinesische Firma baut das schnellste Elektroauto der Welt. Die Kunden in der Volksrepublik lieben so etwas.

Und nun wieder ein Zeichen: Norwegen mag mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern im Vergleich zu China winzig sein, ja selbst Shanghai beherbergt mehr als vier Mal so viele Menschen. Aber: Jetzt ist Nio auch in Europa. Die Absatzzahlen in China dürfte das steigern.

© SZ
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