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Auktion:Ein Stück vom Kaiser

Ein Taschentuch - wohl von Napoleon I.

(Foto: Drouot)

Die historische Bewertung ist kritisch - doch die Marktbewertung steigt: Ein Auktionshaus verkauft spektakuläre Devotionalien von Napoleon.

Von Leo Klimm, Paris

Dieses Stofftaschentuch! Das mit einem eingestickten "N"! Es soll tatsächlich ihm gehört haben - wenngleich nicht verbürgt ist, ob er es wirklich benutzt hat. Es wird vom Auktionshaus Osenat zum Kauf angeboten, zusammen mit einem anderen Stück Stoff, das wiederum mit Blut befleckt ist. Das Blut soll seines sein. Es soll gar von der Autopsie des früheren Kaisers stammen; so besagt es jedenfalls eine handschriftliche Begleitnotiz aus dem 19. Jahrhundert. Ein Haarbüschel, das laut Katalog auch bei der Leichenbesichtigung entnommen wurde, vervollständigt das Reliquien-Set. Am Mittwochabend wurde es für 45 200 Euro versteigert.

Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seinen entfernten Amtsvorgänger Napoleon Bonaparte am Mittwoch in Paris würdigte, huldigte man dem umstrittenen Herrscher bei Osenat gleichzeitig auf eigene Weise: Das Haus aus dem Städtchen Fontainebleau, erste Adresse im Handel mit Objekten zu französischer Monarchie und Kaiserreich, wartete an diesem Mittwoch und Donnerstag mit einer spektakulären Online-Versteigerung auf. Neben dem Devotionalien-Paket vom Sterbebett gab es aus Anlass des 200. Todestags Napoleons etwa ein Original-Hemd zu kaufen, das im Vorfeld auf 30 000 bis 40 000 Euro geschätzt wurde, sowie allerlei Büsten, Bilder und anderen Zierrat, der zwar nicht direkt vom Empereur stammt, aber wenigstens an ihn erinnert.

"Die persönlichen Gegenstände sind immer gefragter"

Zwei Jahrhunderte, nachdem der Herrscher im Exil auf der Atlantikinsel St. Helena verstarb, floriert des Geschäft mit seinem Mythos. Schon in den vergangenen Monaten gab es einige Napoleon-Auktionen - und sie liefen gut. Die auch in Frankreich zunehmend kritische Bewertung Napoleons, der Europa mit Krieg überzog und der die Sklaverei wieder zuließ, führt demnach keineswegs zu einer sinkenden Marktbewertung: "Die Preise steigen", sagt Jean-Claude Dey, einer der Experten der Branche. "Die persönlichen Gegenstände sind immer gefragter."

Die Auktion wirft damit ein Schlaglicht auf eine wunderliche Fangemeinde. Zu ihr zählt einerseits eine scharf konservative französische Klientel. Darunter Profisammler wie Pierre-Jean Chalençon, der schon Tausende Napoleon-Objekte besitzt. (Kürzlich tat sich Chalençon dadurch hervor, dass er in der kaiserlichen Kulisse seiner Wohnung und unter Bruch der Corona-Regeln zu großen Festessen einlud.) Andererseits erliegen auch Ausländer dem Faszinosum: Der südkoreanische Agrarmagnat Kim Hong-kuk zum Beispiel ersteigerte 2014 für 1,8 Millionen Euro einen der berühmten Zweispitz-Hüte Napoleons.

Eine einzelne Socke spielte einmal 13 000 Euro ein. Bereits 2007 versteigerte Osenat für 4,8 Millionen Euro einen Säbel, den Napoleon 1800 in der Schlacht bei Marengo bei sich getragen haben soll. Aber nicht nur Reiche kommen zum Zug: Bei der Auktion, die zurzeit läuft, bietet Osenat viele Antiquitäten mit mehr oder weniger klarem Napoleon-Bezug feil. Etwa ein Thermometer in Obelisk-Form zum Schätzpreis von 300 Euro.

Wo die Verehrung groß ist, ist die Verblendung nicht weit. Immer wieder gibt es Zweifel an der Echtheit der Objekte - wobei auch Einbildungswille im Spiel ist. Sammler Chalençon erstand bei Osenat einmal für 500 000 Euro einen vermeintlichen Thron Napoleons, der ein Jahr zuvor bei Christie's für kaum 7000 US-Dollar verkauft worden war. Denn bei Christie's hält man den Thron nur für eine Kopie.

Doch die Fans, sagt Marktkenner Jean-Claude Dey, sehen ihre Käufe nicht als Investment. "Man erwirbt nicht ein Andenken, das Napoleon gehört hat, um damit Geld zu machen." Anders gesagt: Bei Reliquien geht es um Glauben, nicht um Geld.

© SZ
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