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Nahaufnahme:Zwölf Millionen Freunde

„Die ersten hundert Tage waren die reinste Qual.“ Nuseir Yassin

(Foto: oh)

Nuseir Yassin verdient sein Geld mit Facebook-Videos. Tausend Tage lang hat er jeden Tag einen Clip gepostet. Seine zwölf Millionen Follower sieht er als größtes Kapital.

Zwei Freunde öffnen die Tür zum schicken Dachgeschoss-Appartement im Zentrum von Tel Aviv, von dem aus man aufs Meer blicken kann. Nuseir Yassin muss noch duschen. Zumindest hier ist keine Kamera dabei, ansonsten kennt man viele Aspekte aus seinem Leben. Denn Yassin, genannt Nas, hat tausend Tage lang jeden Tag ein Video auf Facebook gepostet. Jeder Beitrag von Nas Daily war eine Minute lang. "Niemand hat heutzutage Zeit, sich längere Videos anzuschauen", sagt Yassin, als er einige Minuten später mit nassen Haaren und seinem bekannten T-Shirt auf dem Sofa sitzt. Das trägt er bei jeder Aufnahme: "35 Prozent Leben" steht unter einer Akku-Anzeige. "So viel von meiner durchschnittlichen Lebenszeit habe ich schon verbraucht", sagt der 27-Jährige. Die Zahl passt er immer wieder an, je älter er wird.

In seinen Beiträgen thematisiert Yassin, der sich als palästinensischer Israeli bezeichnet, sein eigenes Leben, nimmt sich aber auch politische Themen vor: etwa den Nahostkonflikt, die Lebenshaltungskosten in Berlin oder die Diskriminierung von Menschen mit dunklerer Hautfarbe. Damit hat er mehr als zwölf Millionen Follower auf Facebook erreicht und ist zu einem der reichweitenstärksten sogenannten Influencer in den sozialen Medien geworden.

"Dabei waren die ersten hundert Tage die reinste Qual", erinnert sich Yassin. Er hatte seinen mit 120 000 Dollar dotierten Job als Softwareingenieur bei Venmo, einem Entwickler für mobile Bezahlsysteme, gekündigt. Zuvor hatte er in Harvard Ökonomie studiert und noch ein Studium der Computerwissenschaften angeschlossen. Aber nach etwas mehr als einem Jahr hatte er genug von seinem Schreibtischjob und wollte "nur weg aus New York". Er nahm sein Erspartes, rund 60 000 Dollar, kaufte eine Kamera und ein Ticket nach Nairobi, wo ein Freund lebte. Dort begann er mit seinen Ein-Minuten-Videos.

"Es klingt wie ein Klischee, aber das Leben ist so kurz. Ich wollte etwas machen, auf das ich stolz sein konnte." Er reiste in Dutzende Länder und fand seinen eigenen Stil mit engagiert vorgetragenen Botschaften. "Es war hart, jeden Tag bis zu zehn Stunden damit zu verbringen, ein Video zu produzieren. Und dann Rückmeldungen zu kriegen, dass etwas nicht gut verstanden wurde oder nicht häufig angeschaut wurde", sagt Yassin. In dieser Zeit habe er kein Geld verdient. "Aber es hat mir etwas gebracht, mein Leben bereichert."

Plötzlich hätten immer mehr Menschen seine Videos angeschaut und rasch habe er die Millionengrenze an Followern erreicht. "Leute haben begonnen, mich auf der Straße anzusprechen und es wurde darüber gesprochen, was ich gesagt habe." Etwa 350 000 Euro verdiente er im Jahr 2018, der Großteil kam aus Werbeerlösen. Seine zwölf Millionen Follower sieht er als sein größtes Kapital.

Am 5. Januar hat er unter Tränen sein letztes Nas Daily aufgenommen und am 1. Februar etwas Neues begonnen, "mein nächstes großes Ding", wie Yassin sagt. Seine Firma Nas Daily Corporation mit acht Mitarbeitern produziert Videos für Unternehmen. Es gibt bereits Aufträge aus Singapur und Honduras. Dafür gibt es Yassins Beiträge nur noch einmal pro Woche, jedoch länger als eine Minute.

Warum er auf Facebook setzt und nicht auf Youtube? "Ich mache Videos für meine Freunde. So wie Youtube strukturiert ist, kann man nicht wirklich kommunizieren. Auf Facebook haben die Nutzer eine echte Identität, wir können über den Messenger auch direkt kommunizieren. Es ist auch schwieriger, viral zu gehen auf Youtube." Sein nächstes Ziel ist, mit Nas Weekly hundert Wochen durchzustehen. Was kommt dann? "Vielleicht etwas Neues, das aber sicher mit Video zu tun hat."

© SZ vom 28.02.2019
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