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Mathias Heeb

Mathias Heeb: „Ich möchte mal zurückblicken und sagen können, es hat sich gelohnt, ich habe etwas für die Natur erreicht."

(Foto: privat)

Matthias Heeb will eine Frankensiedlung aus dem Mittelalter auferstehen lassen. Ein Projekt, das auch dem Schutz von Arten und deren Vielfalt dienen soll.

Von Silvia Liebrich

Wie die Menschen im frühen Mittelalter wirklich gelebt haben, das kann sich heute niemand wirklich vorstellen. Selbst Geschichtsbücher helfen da nur bedingt weiter. Mathias Heeb will zeigen, wie sich so ein Alltag ohne Heizung, elektrisches Licht oder Dusche anfühlt. Deshalb hat der Pädagoge und Grünen-Politiker mit Mitstreitern das Projekt Frankensiedlung Nithrindorp gestartet. Ziel ist es, eine dörfliche Siedlung wieder auferstehen zu lassen, wie sie im fünften bis achten Jahrhundert verbreitet war. Ein Dorf mit allem, was dazu gehört, aus den Zeiten der Merowinger und Karolinger, die einst weite Teile West-, Mittel und Südeuropas beherrschten.

Bis zu elf Gebäude aus Lehm, Stroh und Holz sollen in den nächsten Jahren bei Nierendorf im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler entstehen, auf einem Gelände, das insgesamt 11 000 Quadratmeter umfasst. Auch ein großer Garten und Streuobstwiesen gehören dazu. Dem 55-Jährigen geht es dabei nicht nur um erlebbare Geschichte, sondern auch um den Schutz von Arten und deren Vielfalt. "Wir wollen alte Gemüse- und Obstsorten anbauen, die es schon zu Zeiten Karls des Großen gab", erzählt Heeb. Was in mehr als 70 Beeten und Obsthainen bereits heranwächst, soll ab diesem Jahr 25 Familien in der Region versorgen. 80 alte Obstsorten, darunter viele Apfelbäume, haben Heeb und seine Verbündeten in den vergangenen Jahren zusammengetragen. "Wir verwenden Saatgut von alten Gemüsesorten, alte Kohl- und Möhrensorten, Pastinaken, Gurken", ergänzt er.

Ein Weinberg im alten Stil soll nun noch dazu kommen, mit 15 Rebsorten, die zu jener Zeit verbreitet waren, um Wein herzustellen. Sorten wie Altfränkischer Burgunder, Kleinfelder oder Arbst galten noch bis vor Kurzem als ausgestorben und wurden erst vor ein paar Jahren wiederentdeckt. In der Frankensiedlung sollen im Frühjahr knapp hundert dieser Rebstöcke gepflanzt werden. Von dieser genetischen Vielfalt könnten künftige Generationen profitieren, meint Heeb. Der Klimawandel stellt auch Weinbauern vor Herausforderungen. Züchter arbeiten an neuen Sorten, die mit Hitze und Trockenheit besser klar kommen, alte Sorten könnte dabei helfen.

Auch als Mitglied im Gemeinde- und Kreisrat will der Grünen-Politiker Natur- und Klimaschutz vorantreiben. Er setzt sich für mehr Radwege, eine umweltfreundlichere Landwirtschaft und bessere Freizeitangebote für Kinder- und Jugendliche ein. Hauptberuflich arbeitet er an einem Gymnasium in Bad Neuenahr.

Um das Projekt Frankensiedlung musste er trotz guter Kontakte in der Region lange kämpfen. Jahrelang suchte der Verein ein geeignetes Grundstück und kassierte immer wieder Absagen, bis er endlich fündig wurde. Der Verein finanziert sich laut Heeb vor allem aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Führungen, Kursen für mittelalterliches Handwerk und durch den Verkauf von Obst und Gemüse. Geld für den Bau des Dorfes, den aufwendigsten Teil des Projekts, gibt es nach seinen Angaben von der Gemeinde nicht, obwohl es schon jetzt den lokalen Tourismus fördere und viele Kinder und Jugendliche anziehe.

Noch hat der Verein die benötigten 100 000 Euro für die Dorfgebäude nicht zusammen. Beirren lässt sich Heeb dadurch nicht: "Ich bin seit neun Jahren mit dem Projekt unterwegs, für mich ist es auch ein Stück meines Lebens geworden." Erste Erfolge seien bereits sichtbar. Verschiedene Schmetterlingsarten, Eidechsen, Ringelnattern, Feldhasen und Fasane hätten sich auf dem Grundstück angesiedelt. Doch was treibt ihn zu diesem Ehrenamt an? "Ganz einfach, ich möchte mal zurückblicken und sagen können, es hat sich gelohnt, ich habe etwas für die Natur und die Menschen erreicht."

© SZ vom 26.02.2019

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