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Nahaufnahme:Wild entschlossen

Martin Zielke: „Die Alternative, nichts zu tun, gibt es nicht.“

(Foto: dpa)

Commerzbank-Chef Zielke will die Bankenehe. Unbedingt, wie es scheint. Könnte sein, dass er mit der Fusion vom eigenen Scheitern ablenken will.

Von Meike Schreiber

Warum er eigentlich so viel arbeite, soll ihn seine damalige Assistentin gefragt haben, als Martin Zielke Anfang der 2000er- Jahre als Bereichsleiter Privatkunden zur Commerzbank wechselte. Die anderen Kollegen würden doch morgens auch erst einmal ausgedehnt die Zeitung lesen, sich später zum "Direktoren-Lunch" treffen, um danach auf den Golfplatz zu entschwinden. Es war die Zeit als die Banken ihr Geld noch scheinbar im Schlaf verdienten. Martin Zielke, 56, macht schon lange keinen Hehl mehr daraus, dass dies lange vorbei ist. Seit er vor drei Jahren zum Vorstandschef der Commerzbank aufrückte, beklagt er regelmäßig den "radikalen Umbruch" des Bankenmarktes. Geldpolitik, Digitalisierung und Regulierung setzten die Institute unter "brutalen Stress".

Bis vor ein paar Monaten aber hatte es den Anschein, als gehe Zielke diese Herausforderung zupackend, gar unternehmerisch an. Zuweilen wirkte er dabei zwar wie ein Buchhalter, der sich gern im Finanzsprech verliert, aber wer braucht heute noch Visionäre im Bankgeschäft? Und so verteidigte Zielke tapfer seine Strategie, also jene, am teuren Filialnetz festzuhalten, zugleich Kunden mit Prämien anzulocken, Tausende Stellen zu streichen und die Bank zu digitalisieren. Spätestens 2020 werde das Geldhaus, das noch zu 15 Prozent im Staatsbesitz ist, wieder ausreichend profitabel sein, versprach Zielke 2016. Und noch vor wenigen Wochen bilanzierte er, man sei "auf dem richtigen Weg".

In der Finanzbranche sind daher viele überrascht, dass sich Zielke inzwischen zu einem der wesentlichen Treiber der Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank gemausert hat. Ausgerechnet er, der damit aller Voraussicht nach seine eigene berufliche Existenz als Vorstandschef aufgeben wird? Und in dessen Institut man gerade erst am Beispiel des Firmenkundengeschäfts verfolgen konnte, wie schwierig nur die Fusion zweier Sparten ist? Mal ganz abgesehen von den Tausenden Stellen, die das Vorhaben kosten wird.

Bereits auf der Bilanzpressekonferenz Mitte Februar aber ließ er wissen, dass Banken in Deutschland angesichts des schwierigen Umfelds "derzeit keine international wettbewerbsfähigen Renditen" erzielen könnten - ganz so, als gebe es nicht doch das ein oder andere Institut mit funktionierendem Geschäftsmodell, das dies sehr wohl erreicht. Die "Spekulationen" um einen Zusammenschluss mit der Deutschen Bank seien daher "verständlich".

Seit Zielke nun auch offiziell mit Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing verhandelt, drängt sich der Eindruck auf, er sei wild entschlossen, die umstrittene Bankenehe einzugehen, während Sewing immerhin noch abzuwägen scheint. Es hat fast den Anschein, als wolle Zielke dadurch davon ablenken, dass er sein Ziel für 2020 verfehlen wird, dass mithin also seine Strategie nicht ganz so greift wie versprochen. Er wäre nicht der erste Manager, der sich in eine Fusion oder Übernahme stürzt, um vom eigenen Scheitern abzulenken.

Vielleicht lässt sich so erklären, dass er die Übernahme der Belegschaft als fast schon alternativlos verkauft. So geht es jedenfalls aus einem im Intranet der Bank veröffentlichten Artikel hervor. Eine Handvoll Kollegen durfte Zielke vergangene Woche persönlich ihre Kritik zur Fusion vorbringen. Ob es nicht innovativere Wege gebe zu wachsen, will ein Commerzbanker wissen. Da sei der Hebel zu klein, sagt Zielke. Und die Kulturunterschiede? Habe mit der Dresdner Bank ja auch gut geklappt. Zu komplex? Das Zusammengehen mit einem anderen Haus eröffne auch Spielräume. In jedem Fall gelte: "Die Alternative, nichts zu tun, gibt es nicht". Natürlich müssten Chancen und Risiken abgewogen werden. Aber Zielke, so klingt es, scheint bereits entschieden.

© SZ vom 09.04.2019

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