Nahaufnahme Viele kleine Valleys

"Wir haben die einmalige Chance, in Europa eine eigene, erfolgreiche Tech-Industrie zu schaffen": Gianpiero Lotito glaubt an Europas Chance gegen Google und Co.

Von Ulrich Schäfer

Sind die Europäer einfach zu alt, um im Internet erfolgreich zu sein? Werden die wichtigen Unternehmen des digitalen Zeitalters auch deshalb im Silicon Valley gegründet, weil die Amerikaner im Durchschnitt jünger sind - und damit innovativer? Vor ein paar Tagen, beim italienisch-deutschen Wirtschaftsforum in Bozen, sah sich Gianpiero Lotito, 55, der Chef der italienischen Suchmaschinenfirma Facility Live, mit dieser Frage konfrontiert. Und musste schmunzeln. Denn er, der Mittfünfziger aus Padua, ist der beste Beweis dafür, dass man nicht jung sein muss, um sich als europäischer David in den Kampf gegen die amerikanischen Goliaths zu stürzen.

Lotito, weißer Vollbart, weiße Rauschemähne, kleine Brille, ist zwei Jahrzehnte älter als Larry Page und Sergej Brin, die Gründer von Google. Er war auch kein Student mehr, als er mit Facility Live eine, wie er sagt, innovative Suchsoftware für Unternehmen geschaffen hat, die die ausgespuckten Informationen nicht bloß auflistet, sondern diese strukturiert und vereinfacht. So erzählt Lotito gern die Geschichte, dass er seine Software als Erstes in den USA hat patentieren lassen (und danach in 42 weiteren Ländern). Den Antrag bei der amerikanischen Patentbehörde habe er mit einem Vergleich garniert: Was fördert Google als lange Liste zutage, wenn man nach Leonardo da Vinci sucht? Und was zeigt Facility Live in einer Vielzahl von verschiedenen Fenstern, wenn man die gleiche Anfrage stellt? "Wir haben drei Screenshots gemacht und dann auf 20 Seiten erklärt, warum wir besser sind. Die amerikanische Patentbehörde hat das genauso gesehen", erzählt Lotito und hält wie zum Beweis die Patenturkunde hoch.

Er und seine Mitstreiter, das räumt der Mann aus Pavia ein, seien "ein wenig verrückt". Aber immerhin: Er habe, sagt der ehemalige Musiker, Buchautor und Technologie-Berater, mehr Geld eingesammelt als jeder andere Tech-Gründer in Italien, Facility Live wurde zudem in ein Förderprogramm der London Stock Exchange aufgenommen, und im Europäischen Parlament durfte er auch schon dreimal reden. Überhaupt Europa: Das ist sein großes Thema, daran glaubt er - ganz fest. "Wir haben die einmalige Chance, in Europa eine eigene, erfolgreiche Tech-Industrie zu schaffen. Wir müssen dafür nicht ins Silicon Valley gehen. Wir können das hier hinbekommen", sagt Lotito. Es sei etwas in Bewegung geraten: in der Start-up-Branche, aber auch in der Politik.

Damit diese Bewegung sich beschleunigt, haben Lotito und zwei Dutzend andere Unternehmen am Dienstag die Europäische Tech-Allianz ins Leben gerufen, einen Zusammenschluss von schnell wachsenden Start-ups aus ganz Europa. Mit dabei sind der Musikstreamingdienst Spotify aus Schweden, der Mitfahranbieter Blablacar aus Frankreich oder die Firma Rovio aus Finnland, die das Computerspiel Angry Birds erfunden hat. "In Europa verwurzelt, global im Kopf", so lautet das Motto der Gruppe, die der EU-Kommission und dem EU-Parlament bei der Schaffung eines digitalen Binnenmarkts helfen will.

Es komme darauf an, sagt Lotitio, in den nächsten zwölf bis 18 Monaten die richtigen Schritte zu gehen, einheitliche Standards in Europa zu schaffen, beim Datenschutz, bei der Förderung moderner Technologien, und das Breitbandnetz noch schneller auszubauen. Die Amerikaner hätten die Basistechnologien des Internets geschaffen; die Europäer müssten nun eigene Technologien darauf aufsetzen. Ein Silicon Valley werde Europa nicht schaffen können, sagt Lotito: "Wir können aber viele kleine Valleys schaffen. Denn der digitale Binnenmarkt wird Europas Tech-Firmen Möglichkeiten verschaffen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen."