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Oliver Kray: "Man schreibt ja nicht mehr so viel wie früher, aber wenn man es tut, ist das etwas Besonderes."

(Foto: oh)

Oliver Kray bietet mit "My Postcard" digitale und personalisierte Postkarten an. Nun druckt er auch individuelle Briefmarken.

Wenn der eigene Geburtstag und der erste Tag einer neuen Unternehmung zusammenfallen, ist das auch für einen erfahrenen Gründer wie Oliver Kray speziell. Der Chef von My Postcard, einem Anbieter für digitale und personalisierte Postkarten, kooperiert neuerdings mit der Deutschen Post und bietet individuelle Briefmarken. Am vergangenen Donnerstag launchten die Partner die Plattform DeineBriefmarke.de. "Man schreibt ja nicht mehr so viel wie früher, aber wenn man es tut, ist das etwas Besonderes", sagt Kray, nun 39.

Wer seine Briefpost also veredeln möchte, kann das eigene Konterfei als Postwertzeichen draufkleben. Alternativ gehen auch andere persönliche oder limitierte Motive, etwa von Vincent van Gogh, dem Schlager-Duo Amigos oder dem Cartoonisten Ralph Ruthe. Dafür hat Kray Lizenzverträge mit dem Van-Gogh-Museum Amsterdam und den Künstlern geschlossen. Gedruckt werden die Marken von der Post.

Über das Geschäft sagt Kray: "Viele haben daran nicht geglaubt, weil sie den Markt nicht gesehen haben." Er aber ist sich sicher, dass dieser ersten Kooperation binnen Jahresfrist weitere folgen werden. Insgesamt dauerte es zwei Jahre, die neue Plattform auf die Beine zu stellen. Am Porto kann das Unternehmen nichts verdienen, der Preis gilt schließlich für alle. Gewinn macht das Start-up mit der Produktionsvermittlung, und die ist nicht billig: Für ein 10er-Set Van Gogh-Briefmarken à 80 Cent werden mit Versand 32 Euro fällig.

Das Berliner Start-up My Postcard besteht seit 2014 und machte 2019 immerhin sechs Millionen Euro Umsatz. Das laufende Jahr werde noch besser, ist sich der Gründer sicher; vom Medium Postkarte ist er auch 150 Jahre nach dessen Einführung noch überzeugt. Allerdings ist es je nach Urlaubsort schwierig, eine Postfiliale zu finden, Souvenirläden führen oft keine Briefmarken oder die Kartenmotive sind altbacken. Über My Postcard können Nutzer eigene Bilder in diversen Layouts und für Preise ab 2,19 Euro überallhin verschicken. Das Start-up arbeitet mit einem internationalen Druckerei-Netzwerk, die Karten werden im Zielland produziert und versandt.

Und auch wenn zurzeit kaum jemand auf Reisen ist, kann sich Kray über eine nachlassende Nachfrage in der Corona-Krise nicht beschweren. "Während des Shutdowns gingen die Zahlen steil nach oben, weil die Leute wahrscheinlich überlegt haben, wie sie denn mit ihren Liebsten in Kontakt bleiben", sagt Kray. Vor Corona wurden rund 80 Prozent der Postkarten über die App aus dem Urlaub versandt. In der Krise sind es zu 80 Prozent Ermunterungskarten mit Motiven von "Bleib gesund" bis "Dir geb' ich meine letzte Klorolle". Die verbleibenden 20 Prozent gehen weiter ins Ausland oder kommen von dort, wenn auch nicht aus dem Urlaub, sondern eher von Deutschen, die dort leben.

Kray selbst teilt seine Zeit zwischen Berlin und New York, wo My Postcard ebenfalls einen Standort hat. Und dort in den USA hat das Team schon vor Corona eine etwas andere Lockdown-Kundengruppe ausgemacht. Wenn Postkarten falsch adressiert sind, werden sie an das Unternehmen zurückgesandt. Dabei fiel den Mitarbeitern auf, dass viele der Karten von Gefängnissen zurückkamen. Der Grund: Viele der mehr als 5000 US-Haftanstalten haben eigene Regelungen zum Postversand: Eine Anstalt möchte die Gefangenennummer im Adressfeld sehen, die andere nur Schwarz-Weiß-Fotos auf der Karte, die nächste keine aufgeklebten Briefmarken, denn darunter könnten sich Drogen verbergen. Kray schätzt, dass pro Tag 500 Postkarten in amerikanische Gefängnisse verschickt werden. Sitzt jemand für mehrere Jahre und bekommt wöchentlich ein Foto-Update von Zuhause, ist das ein einträgliches Geschäft.

© SZ vom 18.05.2020

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