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Nahaufnahme:Pille statt Pasta

Axel Kaiser / DENTTABS

„Was ich den ganzen Tag über Zahnpflege predige, interessiert bis heute kaum jemanden. Dass die Pillen plastikfrei sind, interessiert alle“, sagt Axel Kaiser.

(Foto: oh)

Axel Kaiser ist Gründer der Firma Denttabs und kämpft gegen die Macht der Gewohnheit: Er will Zahnpasta abschaffen und durch Zahnputztabletten ersetzen.

Von Vivien Timmler

Es ist ein Satz, der sitzt. "Alles, was wir über Zahnpflege wissen, ist und war genau genommen zu jeder Zeit Bullshit", sagt Axel Kaiser. Der 57-Jährige sitzt in einem Berliner Innenhof und redet sich in Rage. Er könnte ewig gegen Zahnpasta wettern, ihre Nachteile aufzählen, ihre Abschaffung fordern. Früher nannte er sie sogar "Körperverletzung", aber das lässt er mittlerweile bleiben, verwendet lieber Konjunktive. Er kennt diejenigen, die er mit solchen Aussagen angreift, sie heißen Colgate, Procter & Gamble, Unilever. Und sie sind mächtig.

Kaiser ist Gründer der Firma Denttabs, die nachhaltige Zahnputztabletten herstellt. Ein Produkt, das erklärungsbedürftig ist: Die Pillen werden im Mund zerbissen und die Zähne dann mit der schaumigen Masse und einer weichen Bürste geputzt. Erschwerend hinzu kommt, dass bislang nur wenige Menschen ihren Zahnpastakonsum hinterfragen. Wer es tut, der stößt jedoch ziemlich schnell auf Denttabs.

Die erste Tablette produzierte der gelernte Kfz-Mechaniker bereits vor 20 Jahren. Von seinem Bruder hatte er sich überreden lassen, gemeinsam ein Dentallabor zu gründen - ohne auch nur die geringste Ahnung von Zähnen. Eher durch Zufall stieß er über einen Doktoranden auf die Möglichkeit, Zähne mittels feiner Zellulosefasern blank zu polieren. Die Idee: Je glatter die Zahnoberfläche, desto weniger Belag kann daran haften - und desto weniger Karies, Zahnstein oder Spuren von Kaffee.

Je mehr Kaiser sich einarbeitete, desto klarer wurde ihm sein Ziel: Zahnpasta abschaffen. Ambitioniert, wie er bald feststellte. "Das erste, was Kinder lernen, noch vor dem Sprechen, ist Zähneputzen", sagt Kaiser. "Deswegen ist es auch so schwer, die Leute davon wegzubekommen." Auch Investoren zweifelten an seiner Idee, Geld von Banken bekam er keins. "Das Hauptargument war: Die Menschen wollen das nicht. Und: Das war schon immer so."

Jahrelang arbeitete Kaiser nebenbei an seiner Idee von den Zahnputztabletten, finanzierte sie über das Dentallabor, verbrannte Unmengen an Geld. Nicht nur einmal verlor sein Bruder die Geduld. Als in Deutschland die ersten Unverpacktläden aufkamen, hatte er plötzlich Erfolg. Sein Absatz stieg zwar langsam, aber er stieg. Anfang 2019 waren es schließlich zwei Millionen Tabletten pro Quartal.

Und dann kam dm. Die Drogeriekette brachte die Zahnputztabletten von heute auf morgen in all ihre Filialen. Der Durchbruch für Kaiser - und das nur, weil er kurz zuvor die Plastikdose, in der die Pillen verkauft wurden, durch ein Tütchen auf Maisstärke-Basis ersetzt hatte, ist er überzeugt. "dm hat uns nicht primär ins Regal genommen, weil sie plötzlich erkannt haben, wie gut das Produkt ist", sagt Kaiser. "Das Hauptargument war die Kompostierbarkeit unserer Verpackung." Tatsächlich landen allein in Deutschland jährlich mehr als 400 Millionen Zahnpastatuben im Müll. Ein enormer Berg.

Von da an explodierte alles. Jahrelang hatte der Umsatz der Firma bei etwa 300 000 Euro im Jahr gelegen, 2019 dann auf einmal bei drei Millionen. "Wenn plötzlich der Jahresumsatz ein Monatsumsatz ist, dann musst du damit erst mal klarkommen", sagt Kaiser. Mittlerweile verkauft er 15 Millionen Tabletten pro Monat, 2021 soll seine eigene Pillenproduktion starten.

Allzu weit in die Zukunft plant Kaiser jedoch nicht. Wenn es nach ihm geht, wächst die Firma noch ein bisschen, um dann aber bald von einem Großkonzern geschluckt zu werden. "Ich selbst will keine riesige Firma führen, die Zahnputztabletten herstellt", sagt Kaiser. Er wolle am Ende nur eins, nämlich dass weltweit eine Milliarde Zahnpastatuben pro Monat abgeschafft werden. "Und bei allem Größenwahn, den ich so vor mir herschiebe: Das traue ich mir dann doch nicht zu."

© SZ vom 19.08.2020

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