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Nahaufnahme:Marxist an der Wall Street

"Es ist eine Illusion zu glauben, dass alle Schulden irgendwann zurückgezahlt werden könnten", sagt Michael Hudson.

(Foto: oh)

Der Ökonom Michael Hudson ist Patensohn von Leo Trotzki, Occupy-Anhänger und vielleicht ein moderner Sozialrevolutionär. Eine seiner Ansichten: Schulden erlassen.

Am besten lässt sich Michael Hudson, 77, vielleicht als ein moderner Sozialrevolutionär beschreiben. Er hat als Ökonom an Eliteuniversitäten und als Berater an der Wall Street gearbeitet, gehörte zu einem der führenden Köpfe der Occupy-Bewegung, und ist nicht nur ökonomischer Analytiker, sondern kennt sich auch mit Geschichte blendend aus. Er lehnt den Kapitalismus keinesfalls generell ab, aber die heutige Form mit ihren Privilegien der Banken und Reichen. Stimmt die Beschreibung als Sozialrevolutionär, dann wäre Hudson seinem Kindheitstraum ein Stück näher gekommen.

Anfang der Vierzigerjahre besuchten regelmäßig Genossen sein Elternhaus in Minneapolis, damals Zentrum der amerikanischen Arbeiterbewegung. Zu Gast waren auch regelmäßig Revolutionäre, die aus Russland geflohen waren, weil sie bei Stalin in Ungnade gefallen waren. Mancher habe mit Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht, den beiden führenden, ermordeten Köpfen der deutschen Kommunisten, zusammengearbeitet, erzählt Hudson: "Die habe ich als Kind bewundert." Er habe davon geträumt, später die "Universität der Revolution" zu besuchen - also ins Gefängnis zu gehen, was jedoch nicht geschah.

Den passenden Taufpaten für einen künftigen Sozialrevolutionär wählten die Eltern aus: Leo Trotzki, der neben Lenin einer der wichtigsten beiden Politiker der jungen Sowjetunion war. Hudsons Vater, ein überzeugter Trotzkist, hatte gemeinsam mit seiner Frau Trotzki in seinem Exil in Mexiko-City besucht und dort mit ihm gearbeitet. Trotzki sei davon überzeugt gewesen, dass ein künftiger Arbeiterführer aus den USA kommen könnte, sagt Hudson, "vielleicht wurde er deshalb mein Taufpate?" Ein Jahr später war Trotzki jedoch tot, ermordet von einem Agenten des sowjetischen Geheimdienstes.

Hudson wurde Ökonom und arbeitete zwischenzeitlich an der Wall Street, weil er dort Arbeitgeber gefunden habe, die "daran interessiert waren, wie die Wirtschaft wirklich funktioniert". Fassungslos wirkt er, wenn er darüber sinniert, wie wenig heute das ökonomische Einmaleins Allgemeingut ist. An die Stelle der Feudalisten, die früher als Landeigentümer die Menschen ausgebeutet hätten, seien die Banken und deren Kreditvergabe getreten. Hudson möchte die Sichtweise der ökonomischen Klassiker wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen. Ein Adam Smith, David Ricardo oder John Stuart Mill hätte damals zwischen "verdientem und unverdientem Einkommen unterschieden". Sie kämpften damals schließlich gegen die Privilegien der Feudalherren und setzten sich für die Schaffung eines freien Marktes ein, bei dem die Beteiligten für ihre produktiven Leistung bezahlt werden sollten. Ein Dorn im Auge waren ihnen jene, die leistungslos Renten bezogen. Zu diesen gehören für Hudson heute die Banken.

Diese hätten von den Achtzigerjahren an eine Menge dafür getan, ihr Geschäft als genauso produktiv anzusehen wie das der Industrie. "Was für ein gewaltiger Irrtum", sagt Hudson und beschreibt die gravierenden Folgen: Heute ächzten die Industrie und die Individuen unter Zinsen, die gezahlt werden müssten. Aber das Zinsgebäude werde einstürzen, sagt Hudson, der sich intensiv mit dem Umgang antiker Herrscher mit Schulden beschäftigt hat. Wenn jemand damals den Thron bestieg, folgte ein Schuldenerlass oft auf den Fuß, "was die Gesellschaft stabilisiert hat". Heute schürten die Banken und Reichen die Angst vor einem Schuldenerlass, aber ihre Botschaft sei falsch: "Es ist eine Illusion zu glauben, dass alle Schulden irgendwann zurückgezahlt werden könnten." Das Gegenteil sei richtig.