bedeckt München 11°

Nahaufnahme:Herbststurm im Anflug

Jürgen Kerner: „Wir reden von 300 000 Arbeitsplätzen, die im Feuer stehen".

(Foto: oh)

IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner warnt vor einem großen Jobabbau vor allem in der Auto- und Luftfahrtindustrie. 300000 Stellen seien gefährdet, und das nicht nur wegen der Corona-Pandemie, sondern weil Konzerne ihr Geschäft optimieren wollten.

Von Thomas Fromm

Er weiß ja, wie vergänglich die Dinge in der Industrie sein können. 1985 hatte der heute 51-Jährige seine Ausbildung zum Informationselektroniker bei Siemens in Augsburg angefangen. Das ist lange her, und vieles von dem, wofür Siemens damals stand, ist heute Geschichte. Informationselektronik, Augsburg? Ende 2013 wurde Jürgen Kerner dann Hauptkassierer im Bundesvorstand der IG Metall. Ein Job, bei dem es um Finanzen und Controlling geht und der, wäre er im Management eines großen Unternehmens angesiedelt, sicherlich mit "Finanzchef" übersetzt werden würde. Aber Kerner will lieber Hauptkassierer als Finanzchef sein. Es klingt mehr nach Gewerkschaft als nach Konzernvorstand.

Zumal sich der Multi-Aufsichtsrat (unter anderem Siemens, Thyssenkrupp, MAN) auf einen heißen Herbst einstellt. Im zweiten Halbjahr des Corona-Jahres 2020 werde es um viele Jobs in Branchen gehen, für die die IG Metall zuständig ist: "Wir reden von 300 000 Arbeitsplätzen, die im Feuer stehen", sagte Kerner am Mittwochabend im Club Wirtschaftspresse in München. Der am stärksten betroffene Bereich seien die Automobilindustrie und ihre vielen großen und kleinen Zulieferer, aber auch andere Branchen wie die Luftfahrt seien ein Thema. Und auch wenn ein Großteil des Jobabbaus jetzt mit den Einbrüchen wegen der Corona-Pandemie begründet würde - Kerner glaubt, dass es hier um mehr geht. "Ein Großteil der 300 000 ist Optimierung der Unternehmen unter dem Deckmantel Corona."

Nun gehe es darum, in den kommenden Monaten "Druck aufzubauen". Denn "wenn die ersten Unternehmen damit durchkommen und sich optimieren, dann wird der Druck auf die anderen, die Beschäftigung halten, immer größer". Ob ihm, dem IG-Metall-Hauptkassierer und Aufsichtsrat, das gelingt? Kerner ist optimistisch. Denn im nächsten Jahr ist Bundestagswahl, und da könne er sich nicht vorstellen, dass "die Politik Millionen Arbeitslose will". Das Rezept, das durch das Krisen-Wahlkampfjahr führen soll: Die Ausweitung der Kurzarbeit auf bis zu 24 Monate. Die Signale aus der Politik seien bereits "positiv".

Nun haben sich die Zeiten seit Mitte der Achtzigerjahre, als Kerner bei Siemens in Augsburg anheuerte, ziemlich verändert, und die Welt ist nicht nur wegen Corona eine andere als damals. Die Autoindustrie muss eher früher als später das fossile Zeitalter abhaken, das Gleiche gilt für die Siemens-Energietochter Energy und einen Lkw- und Bushersteller wie MAN. Allerdings hat der epochale Umbau der Industrie hin zu grüneren Technologien für Gewerkschafter einen entscheidenden Haken, und Kerner sagt es so: "Neue Technologien haben weniger Beschäftigung als alte Technologien." Einerseits muss man sich als IG Metaller für den Wandel einsetzen. Andererseits bedeutet das, wenn es schiefläuft: weniger Beschäftigung, also auch weniger Mitglieder. Daher erwartet er von der Politik mehr Anreize für den Umbau der Industrie. "Wenn das in Deutschland funktioniert, ist das doch auch eine Blaupause für andere Länder", glaubt Kerner.

Und noch etwas treibt den Gewerkschafter und SPD-Mann um: Das Thema Home- Office. Wie soll man Menschen, die die meiste Zeit zu Hause sitzen, auf die alte, klassische Art und Weise erreichen? Per Flugblatt? Wenn die Menschen künftig mehr zu Hause sind als im Betrieb, dann müsse die Gewerkschaft eben "digitaler" werden. Er selbst ist kein Gegner der Heimarbeit, weiß aber auch, dass das nicht immer einfach ist. Er hat es lange genug selbst gemacht.

"Nachdem meine zwei Töchter aus dem Haus sind, war das cool", sagt er. "Aber vor zehn Jahren wäre das noch anders gewesen."

© SZ vom 24.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite