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Björn Waide: „Eigentlich dürfte es uns nicht geben, wenn der Staat seiner Verantwortung gerecht würde.“

(Foto: OH)

Björn Waide, Chef von Smartsteuer, hilft bei der Steuererklärung. Sein Start-up arbeitet mit Machine-Learning und wird mit echten Steuerfällen trainiert. Der Informatiker will die Daten künftig noch für viel mehr nutzen.

Von Katharina Kutsche

Wenn ein Unternehmen antritt mit der Mission, sich überflüssig zu machen, ist das einerseits ungewöhnlich. Andererseits: Wenn es keine Probleme zu lösen gäbe, hätte manches Start-up kein Produkt. Und so sagt Björn Waide, Chef von Smartsteuer: "Eigentlich dürfte es uns nicht geben, wenn der Staat seiner Verantwortung gerecht würde."

Smartsteuer nimmt Menschen seit 2010 die Steuererklärung ab. Nutzer geben ihre Grunddaten online oder per App ein und werden in Form eines Interviews durchs Programm geführt. Währenddessen sehen sie, wie hoch die Steuererstattung des Finanzamts ausfallen könnte. Jede abgegebene Erklärung kostet 24,95 € und wird über eine Schnittstelle des staatlichen Programms Elster beim Fiskus eingereicht.

Waide, 40, ist seit 2013 Geschäftsführer des hannoverschen Unternehmens, zuvor arbeitete er beim Berufsnetzwerk Xing. Er ist Anhänger von New Work, einem Konzept, nach dem Menschen mit mehr Selbständigkeit, Freiheit und Teilhabe ihr Arbeitsleben gestalten. Das lebe er nicht nur voller Überzeugung, sondern es sei auch für das Unternehmen wichtig: Bei Smartsteuer arbeiten Menschen, die aus Berlin oder dem holländischen Groningen pendeln und ansonsten im Home-Office arbeiten. "Das ist auch wichtig, um Leute nach Hannover zu locken", so Waide. Denn einfach ist es nicht, Mitarbeiter zu finden - die Konkurrenz in der Gründerhauptstadt Berlin ist groß, das Thema Steuern klingt nun mal auch nicht so sexy.

Der Informatiker ist in der Gründerszene Hannovers ein bekanntes Gesicht. Im Gründerzentrum Hafven betreut er als Mentor regelmäßig Start-ups und sitzt im Beirat des Netzwerks Digitales Hannover. Das eigene Unternehmen ist allerdings schon zu alt und mit der Verlagsgruppe Haufe als Muttergesellschaft zu weit, um noch als Start-up zu gelten. Es ist ein sogenanntes Scale-up, das sich aufs Wachstum konzentriert: "Wir haben bewiesen, dass wir einen Markt gefunden haben und davon leben können. Das ist aber nur die technische Basis, jetzt geht es erst richtig los", sagt Waide. Derzeit sucht das Unternehmen nach neuen Geschäftsmodellen.

Dabei sollen die Daten helfen, die die Smartsteuer-Software ohnehin generiert. Sie arbeitet mit Machine-Learning und wird mit anonymisierten echten Steuerfällen trainiert. Das Programm gleicht die gemeldeten Zahlen mit dem Steuerbescheid ab, den das Finanzamt über die Elster-Schnittstelle zurückschickt. So kann das Team Abweichungen analysieren und Vorhersagen über Rückzahlungen verbessern. Seit 2018 kooperiert das Unternehmen mit der Direktbank ING, deren Kunden eine eingeschränkt vorausgefüllte Steuererklärung nutzen können.

Doch das soll in Zukunft viel weiter gehen, schließlich wissen Banken und Staat mehr, als sich in die Formulare automatisiert eintragen lässt: Bekommt jemand Kindergeld, Rente, Verheiratetenzuschlag? "Wir wollen Daten, die schon überall existieren, so verarbeiten, dass außer einem kontrollierenden Blick nichts mehr nötig ist", so Waide.

Nach wie vor ist aber der Staat mit Elster der größte Wettbewerber, auch wenn elf Millionen Menschen in Deutschland keine Steuererklärung abgeben - sie gehen davon aus, dass sie ohnehin keine Rückzahlung bekommen und sparen sich den Aufwand. Waide stellt daher klar, dass sein Unternehmen nicht im Markt für Steuererklärung unterwegs sei, sondern im Markt für Steuererstattung. Und die stehe den Bürgern eigentlich zu. Trotzdem rechnen sie nicht mit dem Betrag, sondern freuen sich darüber wie über einen extra Geldsegen: "25 Prozent unserer Kunden fahren von dem Geld in den Urlaub", so Waide. Jedes Jahr holt das Team mehr als 300 Millionen Euro vom Staat zurück.