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Nahaufnahme:Ein Messias für Metzingen

Daniel Grieder: "So lange die Menschen Kleider tragen, wird auch die Modeindustrie funktionieren."

(Foto: dpa)

Der Schweizer Daniel Grieder hat die Marke Tommy Hilfiger saniert - nun könnte er Hugo Boss aus der Krise führen.

Von Caspar Busse

Der Schweizer Daniel Grieder, 58, hatte es bislang gut in Amsterdam. Das Büro, in dem er arbeitete, ist erstaunlich groß: Schreibtisch, eine große Sitzecke mit Sofas, ein langer Besprechungstisch mit Videoanlage. Der Blick geht weit auf das Wasser. Die Zentrale der Weltmarke Tommy Hilfiger ist ein moderner Glasbau am ehemaligen Holzhafen in Amsterdam, es gibt Cafés, Lounges mit gemütlichen Sesseln, Billard und Tischtennis, Fitnessangebote, riesige Fahrradparkplätze.

Seit 2014 war Grieder Chef von Tommy Hilfiger - bis er in der vergangenen Woche mit sofortiger Wirkung kündigte, plötzlich und selbst für Insider überraschend. "Es gibt niemals den perfekten Moment, um eine Organisation zu verlassen, die man liebt", sagte Grieder, "entweder du gehst zu spät oder zu früh." Jetzt sei aber der richtige Moment, er habe noch den Optimismus, die Energie und die Leidenschaft, etwas Neues zu tun. Kurz danach bestätigte das angeschlagene schwäbische Modeunternehmen Hugo Boss Verhandlungen mit Grieder. Noch sei nichts entschieden, hieß es. Aber es ist gut möglich, dass Grieder bald Vorstandvorsitzender von Boss wird, Amtsinhaber Mark Langer wird spätestens Ende September gehen.

Grieder, zurückgegelte Haare, meist sportlich mit Sakko, Krawatte und dunkler Jeans gekleidet, könnte durchaus eine gute Wahl für Deutschlands größte Modefirma sein. Die Börse reagierte Ende vergangener Woche auf die mögliche Berufung schon einmal mit einem deutlichen Kursplus. Grieder hat in der Modebranche einen guten Ruf, ist gut vernetzt. Und er hat bei Tommy Hilfiger gezeigt, wie man aus einer Krisenmarke eine Erfolgsgeschichte macht. Die Firma, die 1985 von Designer Tommy Hilfiger gegründet wurde, war in ernsten Problemen. Grieder sanierte, baute um und verlegte die Zentrale von den USA nach Amsterdam. Zuletzt stieg der Umsatz der Marke Hilfiger, die zusammen mit Marken wie Calvin Klein und Speedo zum Phillips-Van-Heusen-Konzern gehört, die Kundschaft wurde wieder jünger. "Daniel war der Messias, der seine Botschaft überall in der Firma verkündete. Am Schluss zogen alle mit", schwärmte vor Kurzem Tommy Hilfiger, der seine Anteile verkauft hat, aber noch Chefdesigner der Marke ist. Ein neuer Messias also für Hugo Boss in Metzingen?

Grieder stammt aus Schaffhausen in der Schweiz, studierte in Zürich und gründete zunächst eine eigene Modefirma. 1997 heuerte er bei Hilfiger an, wurde 2014 Chef. Grieder lebt am Wochenende in Zürich und hat zwei Kinder, von Montag bis Freitag ist er in Amsterdam oder weltweit unterwegs. "Solange die Menschen Kleider tragen, wird auch die Modeindustrie funktionieren", sagte er im vergangenen Jahr und fügte an: "Man muss nur verstehen, was der Konsument will, wo und wie er kauft." Klingt einfach.

Kompliziert sind dagegen die Probleme von Hugo Boss: Das Filialnetz ist überdimensioniert, der Onlinehandel unterrepräsentiert, die Kollektionen kommen nicht immer an. Langer, der zuvor Finanzvorstand war, versuchte seit 2016, Ordnung in das Chaos zu bringen, doch modische Impulse fehlten. Im vergangenen Jahr musste er zweimal die Prognose senken. 2020 kam die Corona-Krise hinzu, es wurden Verluste gemacht.

Grieder hat eine klare Meinung: Die Zeiten von Mega-Geschäften mit riesigen Verkaufsflächen seien vorbei, die Kunden wollten inspiriert und nicht mit Masse beeindruckt werden. Die Modefirmen müssten schneller und digitaler werden, sofort liefern. "Boss hat eine ganz andere Kultur als Hilfiger", warnen aber Experten. Grieder werde es schwer haben bei der Anzugfirma. Aber erst mal muss man sich nun einig werden.

© SZ vom 09.06.2020

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