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Nahaufnahme:Der Furchtlose

"Es wird oft der Eindruck erweckt, der Staatskredit sei ein Geschenk, das ist nicht der Fall", sagt Erich Sixt.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

In normalen Zeiten wettert der Unternehmer gerne gegen die Behörden und spart Steuern. Nun braucht der Autovermieter Erich Sixt selbst einen Staatskredit.

Von Dieter Sürig

Den Autoverleiher Erich Sixt kann wohl so schnell nichts erschüttern. Der 75-Jährige hat das Unternehmen aus Pullach bei München bereits durch die Ölkrise der Siebzigerjahre gesteuert, durch die Wirren nach den Terrorangriffen von 9/11 und auch durch die Finanzkrise vor gut zehn Jahren. "Ich kenne das Wort Verlust gar nicht, wir haben immer Gewinn gemacht", sagt Sixt. Selbst die Corona-Pandemie schien ihn anfangs nicht sonderlich zu beeindrucken. Bei der Vorlage der Jahresbilanz im März hatte er der Einschätzung von Kanzlerin Angela Merkel widersprochen, das Virus verursache die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch plötzlich ist etwas anders, nun bezeichnet er die Situation als "Jahrhundertereignis". Während Sixt im März noch das "beste Jahr der Firmengeschichte" feierte, hat er gerade Kredite bis zu einer Höhe von 1,5 Milliarden Euro ausgehandelt, was fast dem halben Jahresumsatz entspricht. Rund eine Milliarde Euro soll von der staatlichen KfW-Bank kommen, 460 Millionen Euro von Bayerischer Landesbank, Commerzbank, DZ Bank und Unicredit. Dass Sixt einen Staatskredit abruft, ist ein Novum und entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Derselbe Erich Sixt wettert sonst ja gerne gegen die Behörden und macht auch keinen Hehl daraus, dass er gerne Steuern spart. So geschehen mit einer "Oversea Company" in der Steueroase Malta, wie 2017 durch die Paradise Papers bekannt wurde. Ein Jahr zuvor hatte Sixt mit einer Werbeanzeige auf die Panama Papers reagiert: "Mietwagen für Steuerfahnder in über 4000 Stationen weltweit - auch in Panama." Dabei war er selbst Kunde der dortigen Skandal-Kanzlei Mossack Fonseca.

Dass er nun Steuermittel beansprucht, will er allerdings so nicht stehen lassen. "Es wird oft der Eindruck erweckt, der Staatskredit sei ein Geschenk, das ist nicht der Fall", sagt er. Zumal der Staat daran verdiene: "Wir müssen die derzeit marktüblichen Zinsen zahlen und werden den Kredit natürlich auch wieder tilgen." Er wisse aber zu schätzen, dass die KfW Sixt nun dabei helfe, "dass wir Sicherheit in einer äußerst unklaren Lage bekommen".

Sixt geht es vor allem darum, Fahrzeuge kaufen zu können, sobald die Nachfrage wieder anzieht. "2019 haben wir rund 7,5 Milliarden Euro in unsere Vermietflotte investiert - an dieses Niveau möchten wir 2021 wieder anknüpfen." Das Problem: Für Unternehmen der Reisebranche sei der Kapitalmarkt "aktuell nicht zugänglich". Zumal sich Sixt den Ratingagenturen entzieht. Deren Bewertungen sind aber derzeit wichtig am Kapitalmarkt, auch wenn Sixt einen Eigenkapitalanteil von etwa 30 Prozent hat. "Wir hatten es nie nötig, dass wir 'geratet' werden", sagt Sixt. "Wir konnten unsere Flotte auch ohne Rating problemlos über den Kapitalmarkt finanzieren." Das Rating sei teuer und er dem Diktat der Agenturen unterworfen. "Das ist kein Spaß, die Agenturen sind dann die Herrscher des Unternehmens, und die Ratings hinken der Realität oft hinterher." Dies kommt für Erich Sixt also auch künftig nicht in Frage.

"Man hat schon gesehen, dass der Zins für Firmen ohne Rating deutlich nach oben geht", sagt Analyst Christian Obst von der Baader Bank. Eine Gefahr für Sixt sieht er nicht: "Es gab eine kurzfristige Aufregung am Finanzmarkt, aber ein Liquiditätsengpass ist bei Sixt nicht das Thema." Fast alle Autovermieter würden am Abgrund stehen, auch weil sie weniger Eigenkapital als Sixt hätten. Wenn der Flugverkehr wieder anziehe, werde Sixt einer der Profiteure sein. Erich Sixt ist jedenfalls guter Dinge: "Ich habe vor Jahrzehnten in den Abgrund geschaut, als ich mit meinem letzten Hemdknopf für Millionenkredite bürgen musste. Aber jetzt habe ich keinerlei Furcht", bekundet er.

© SZ vom 13.05.2020

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