Nahaufnahme Der Anzugträger

Thomas Kurian: „Alle sagen mir dasselbe: Sie lieben unser Produkt, aber sie haben keine Beziehung zu Google.“

(Foto: dpa)

Seit Kurzem ist Thomas Kurian Chef von Google Cloud. Sein Auftrag: Amazon in diesem lukrativen Geschäft einzuholen. Es gibt leichtere Aufgaben.

Von Malte Conradi

Man wundert sich schon ein bisschen, als Thomas Kurian da schüchtern lächelnd und ziemlich verloren auf der Bühne steht. Die Show übernehmen seine Gäste, die Chefs von Partnerfirmen, die eigentlich nur da sind, um seine Großartigkeit zu bestätigen. Sie fühlen sich offensichtlich wohl auf der Bühne - ein Witzchen, ein einprägsamer Satz, noch ein Witzchen, Abgang. Kurian steht steif daneben und liest die Fragen vom Teleprompter ab. Und dann ist er auch mal wieder der einzige, der einen Anzug trägt - eine Angewohnheit, für die er sich im betont lockeren Kalifornien regelmäßig verspotten lassen muss. Das soll also der Mann sein, der die große Aufholjagd starten, Mitarbeiter motivieren und Kunden gewinnen soll?

Es ist die Hausmesse von Google Cloud in San Francisco, Kurians erster großer Auftritt seit seinem Antritt als Chef im vergangenen November. Seine Aufgabe ist es, den enormen Vorsprung von Amazon und den ziemlich großen von Microsoft im Geschäft mit dem Speichern von Daten im Internet, also der Cloud, zu verkleinern. Es ist ein sehr lukratives Geschäft. Amazon finanziert damit einen guten Teil seiner rasanten Expansion, auch für Microsoft ist es inzwischen ein wichtiges Standbein und Google will damit seine Abhängigkeit vom Werbemarkt verkleinern. Unternehmen, die diesen Service in Anspruch nehmen, haben den Vorteil, dass sie nicht erst eine eigene Infrastruktur aufbauen müssen. Stattdessen mieten sie Platz auf den Servern der Anbieter und Software-Lösungen häufig gleich dazu.

Es macht Kurians Aufgabe nicht einfacher, dass man es bei Google weder gewohnt ist, mal nicht auf dem ersten Platz zu stehen, noch besonders locker damit umgehen kann. Und die Konkurrenz ist stark: Amazon hat das Cloud-Geschäft vor etwa zwölf Jahren aus Versehen erfunden, als es für seine eigenen Geschäfte viel Serverplatz brauchte. Seither genießt der Marktführer bei seinen Kunden großes Vertrauen. Microsoft wiederum verfügt über ein Heer an Verkäufern, die teilweise seit zwanzig oder dreißig Jahren Kontakte zu ihren Kunden pflegen und sich so leichter tun, mit ihnen auch mal über das Cloud-Angebot des Konzerns zu sprechen.

Und Google? Google hat das beste Produkt, sagt Kurian. Er habe in seinen ersten Wochen mit Hunderten Kunden und möglichen Kunden gesprochen, erzählt er. "Und alle sagen mir dasselbe: Sie lieben unser Produkt, aber sie haben keine Beziehung zu Google." Das will Kurian ändern - und stockt erst mal sein Verkaufsteam auf. Dass das beste Produkt nichts bringt, wenn man es nicht an den Mann bringt, ist eine Erkenntnis, die Kurian zuvor bei Oracle durchgesetzt hat, wo er 22 Jahre verbracht hat. Wachsen durch besseres Verkaufen - für viele Googler dürfte das eine ernüchternde Strategie sein, feilt der typische Silicon-Valley-Angestellte doch lieber an seinem tollen Produkt, als sich Gedanken über den Vertrieb zu machen. Ein bisschen ist es, als sei nun endlich ein Erwachsener im Raum, der den hochbegabten Kindern mal zeigt, wie man ein richtiges Business aufzieht.

Aber dann hat Kurian doch noch eine technische Neuerung zu verkünden, mit der er sich von der Konkurrenz absetzen will: Google bietet seinen Kunden künftig eine Plattform namens Anthos an, dank der Unternehmen ihre Daten zwischen ihren eigenen Servern, der Google-Cloud und sogar den Clouds von Konkurrenten wie Amazon hin und her bewegen können, ohne etwas an ihrem System zu ändern. "Die Kunden wollen diese Flexibilität. Nur wir bieten sie", meint Kurian.

Am Ende wundert man sich übrigens nicht mehr. Denn im persönlichen Gespräch ist Thomas Kurian ziemlich locker und lustig.