Nahaufnahme Daten-Gurus zu vermieten

Kim Nilsson: „Die kommen nur zu uns, wenn sie darin einen Vorteil sehen.“

(Foto: Teri Pengilley)

Kim Nilssons Start-up Pivigo vermittelt Informatik-Spezialisten.

Von Helmut Martin-Jung

Also das müsse sie noch loswerden, sagt Kim Nilsson. Gleichberechtigung sei in ihrer Branche "ein Problem". Die Branche der 37-jährigen Schwedin ist die Datenanalyse. Die Algorithmen, die dabei verwendet werden, könnten nur dann vorurteilsfrei sein, wenn auch die Daten so erhoben würden. Doch, gibt sie zu erkennen, bis dahin sei wohl noch ein weiter Weg. Hier auf der Konferenz, der hub.berlin des Branchenverbandes Bitkom, gebe es ja sogar noch booth babes: Attraktive junge Frauen, die das überwiegend männliche Publikum an die Stände locken sollen, "in Großbritannien kommt das nicht mehr vor".

Mit ihrer Wahlheimat hadert die Jungunternehmerin aus einem anderen Grund, dem Brexit. "Das bremst uns sehr aus", sagt sie. Eigentlich läuft ihr Start-up ganz gut, füllt es doch eine Lücke, die viele Unternehmen beklagen. Sie haben jede Menge Daten im Unternehmen, aber diese zu verwerten scheitert an den dafür nötigen Fachkräften. Die heiß begehrten und hochbezahlten Spezialisten verdingen sich in aller Regel nicht bei Mittelständlern.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele Informatik-Absolventen, die zwar ihr Metier beherrschen, aber noch kaum je mit der Praxis zu tun hatten. Hier setzt Nilssons Firma Pivigo an. Das Unternehmen hilft Absolventen beim Übergang von der Uni in die Praxis und hilft damit auch Firmen, die anderweitig kaum an solche Fachkräfte gekommen wären. "Wir haben ja viele Talente", sagt Nilsson, "aber die Industrie sucht trotzdem Spezialisten".

Pivigo erhält von Firmen Aufträge für bestimmte Projekte und vermittelt die dafür am besten geeigneten Spezialisten. Ihr Start-up schöpft aus einem Pool von 7500 Datenwissenschaftlern. 20 Prozent davon kommen aus Großbritannien, 45 Prozent aus dem übrigen Europa, und der Rest verteilt sich über die Welt. Das funktioniere deshalb, sagt Nilsson, weil die Spezialisten in den meisten Fällen nicht an Ort und Stelle sein müssten. "Wenn das erforderlich oder gewünscht ist, schränkt es die Auswahl an Bewerbern natürlich ein."

Mittlerweile hat Pivigo schon 13 Kurse für Uni-Absolventen durchgezogen. Promovierte Wissenschaftler oder solche mit Masterabschluss werden dabei in fünfwöchigen Kursen in Projekte konkreter Firmen gesteckt. "Was ihnen völlig fehlt, ist, wie sie mit Firmen und deren Anforderungen umgehen sollen", sagt Nilsson. Genau das lernen sie in den Kursen, "fast alle der 600 Teilnehmer sind heute Datenwissenschaftler", sagt Nilsson.

Am liebsten ist es ihr jedoch, wenn die erfolgreichen Absolventen ihres Praxistrainings danach nicht fest bei einer Firma anfangen, sondern für den Pool von Spezialisten zur Verfügung stehen. Aber werden die Mitarbeiter so nicht ausgebeutet, wenn sie von Projekt zu Projekt hüpfen? "Das Sozialsystem der EU ist dafür nicht gemacht", gibt Nilsson zu, und: "Die Gig-Economy muss sich noch finden." Im Falle von Pivigo aber sei es ohnehin so, dass die Bewerber sehr wählerisch seien. "Die kommen nur zu uns, wenn sie darin einen Vorteil sehen." Manche wollten beispielsweise lieber verschiedene Projekte machen als sich fest an einen einzigen Arbeitgeber zu binden.

Nilssons Ziel ist es, zu einer vertrauenswürdigen Plattform zu werden, an die sich Firmen wenden könnten, die auf anderem Wege nicht die geeigneten Bewerber bekommen würden. Und bei vielen Firmen sei noch viel Überzeugungsarbeit nötig, um überhaupt das Bewusstsein dafür zu wecken, was sie mit ihren Datenhalden alles anfangen könnten. So wie jene britische Firma für Autoersatzteile. Sie verkauft vor allem am Telefon. Weil sie nun aus ihren Daten viel besser weiß, was man den Kunden wann empfehlen kann, stieg der Umsatz gleich um mehrere Millionen Pfund pro Jahr.