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Nahaufnahme:Chef der Abwehr

Die Corona-Krise wird für Peter Altmaier zum Befreiungs­schlag - erst recht jetzt, seit die Wirtschaft wieder aufblüht. Was für ein Aufschwung, auch für ihn selbst.

Von Michael Bauchmüller

Peter Altmaier: "Es ist uns gelungen, die Substanz unserer Wirtschaft zu erhalten."

(Foto: dpa)

Den Aufschwung hat sich Peter Altmaier extra auf Din-A-3 drucken lassen, ein fetter grüner Strich nach oben. Jetzt zieht er das Blatt auseinander, vor der Brust hält er es in die Kameras. Die Botschaft ist klar: Es geht aufwärts, das Schlimmste ist überstanden. Und hier steht er, der Meister des Aufschwungs: Peter Altmaier, der Wirtschaftsminister von der CDU. Was für ein Aufschwung, auch für ihn selbst.

Ein knappes halbes Jahr ist es her, da saß Altmaier am selben Ort mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Es waren die Tage, in denen die deutsche Wirtschaft heruntergefahren wurde wie ein PC bei Feierabend, in der Bundespressekonferenz holten die beiden Minister zur Abwehr aus. "An fehlendem Geld und fehlendem Willen soll es nicht scheitern", sagte Altmaier seinerzeit. Und so kam es dann ja auch.

Es war auch eine Zäsur für den Minister Altmaier. In den Monaten zuvor hatte er massiv in der Kritik gestanden, er galt als Minister ohne Fortune. Nicht nur die großen Wirtschaftsverbände maulten über die Performance des Ministers, sondern auch Parteifreunde. Wie ein Getriebener wirkte Altmaier, gejagt von unzufriedenen Mittelständlern und dem eigenen Wirtschaftsflügel. Rückblickend war die Corona-Krise für ihn ein Befreiungsschlag.

Das mag auch daran liegen, dass Altmaier, 62, der Ruf eines troubleshooters verfolgt, seit er im Kabinett ist. 2012, als Nachfolger des glücklosen Umweltministers Norbert Röttgen (CDU), sollte er die Kritiker der plötzlichen Fukushima-Wende befrieden - und wurde zumindest vorübergehend zur Ein-Mann-PR-Show für die Energiewende.

2015, Altmaier ist mittlerweile Kanzleramtsminister, macht die Kanzlerin ihn zum Koordinator für Flüchtlingsfragen - zu einer Zeit, in der die Bundesregierung alles andere als geordnet wirkt. Altmaier mag solche Aufgaben.

Viele seiner Kritiker hat das Handling der Corona-Krise verstummen lassen - was Altmaier auch ganz neue Freiräume gibt. Beispiel Klimaschutz: Altmaier war hier, ganz Wirtschaftsminister, vor allem als Beschützer heimischer Industrien aufgetreten - allen voran der Autoindustrie. Das trug ihm den Ruf eines Bremsers ein, die Klimademos des vorigen Jahres fanden nicht umsonst gern zwischen seinem Ministerium und dem Haus von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) statt. In diesem Sommer aber gestand er Fehler ein: Man habe "zu spät gehandelt", es gebe Nachholbedarf. Das neue Ziel sei die Klimaneutralität bis 2050. "Jetzt muss er seiner Selbstkritik Taten folgen lassen", verlangt schon Martin Kaiser, Deutschland-Chef von Greenpeace.

Zumindest findet sich diese Klimaneutralität nun auch in den Entwürfen für ein neues Ökostrom-Gesetz, die seit dieser Woche kursieren. Auch hier tat sich Altmaier lange schwer, auch hier saßen die größten Bedenkenträger in seiner eigenen Fraktion - vor allem mit Blick auf die Windkraft. Doch in diesen Tagen kursiert nun ein Referentenentwurf, der den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen soll, wenn auch nicht so stark, wie sich Umweltschützer das wünschen. Doch selbst grüne Minister spenden Beifall. Schon schwebt Altmaier eine "große Gemeinschaftsaktion" für das Klima vor, eine Versöhnung von Ökologie und Ökonomie.

Was den Umgang mit der jüngsten Krise angeht, ist Altmaier jedenfalls ganz mit sich im Reinen. Das Din-A-3-Blatt mit der Kurve faltet er säuberlich und schiebt es zu seinen Akten. "Ich freue mich, dass ich Ihnen gute Nachrichten überbringen kann", eröffnet er. "Es ist uns gelungen, die Substanz unserer Wirtschaft zu erhalten." Nun blühe ihr ein "unerwartet schneller Wiederaufstieg". Altmaier hat so einen gerade selbst erlebt.

© SZ vom 02.09.2020

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