Nahaufnahme:Berater in der Krise

Nahaufnahme: Frank Schroedter: "Wir stellen uns darauf ein, dass jetzt die kritische Phase für viele Firmen beginnt".

Frank Schroedter: "Wir stellen uns darauf ein, dass jetzt die kritische Phase für viele Firmen beginnt".

(Foto: Markus Goetzfried)

Frank Schroedter hilft Firmen, die schwere Zeiten überstehen müssen. Arbeiten im Krisenmodus, das ist sein Beruf. Derzeit hat er so viel zu tun wie noch nie.

Von Silvia Liebrich

Für Frank Schroedter sind Krisen der Normalfall, er verdient sein Geld damit. Brennt eine Großschlachterei ab, wird ein Unternehmen erpresst oder kommen verdorbene Lebensmittel in den Handel, dann ist sein Rat gefragt. "Mich holen Krisen seit 20 Jahren überall ein, egal ob am Wochenende auf einem Berggipfel oder am Ostersonntag am Frühstückstisch mit der Familie", sagt Schroedter. Der 49-Jährige ist Vorstandsmitglied und Miteigentümer von Engel & Zimmermann, einer Münchner Beratungsfirma, die auf Krisenkommunikation spezialisiert ist. Zuversicht ausstrahlen, das gehört zum Berufsbild. Immer souverän bleiben, auch wenn um einen herum das Chaos tobt. Wer ihn je in einer solchen Situation erlebt hat, weiß, der Mann beherrscht das aus dem Effeff.

Und nun die Corona-Krise. Was heißt das für jemand, bei dem der Ausnahmezustand Alltag ist? Auch für ihn und die 50 Mitarbeiter von Engel & Zimmermann sei die Situation alles andere als normal, sagt der Krisenexperte. "Das ist keine Routine, was wir da gerade erleben. Diese Krise betrifft alle Firmen, die komplette Wirtschaft, alle Menschen, also auch uns selbst." Das verändert den Blickwinkel.

Doch viel Zeit zum Grübeln bleibt Schroedter in diesen Tagen nicht. Er und seine Kollegen werden mit Anfragen ihrer Kunden überhäuft. Unter enormem Zeitdruck arbeiten sie an Krisenplänen für Unternehmen, die aus verschiedenen Branchen kommen. Zum Kundenkreis gehören zudem Verbände, Politik und öffentliche Einrichtungen. Viele der Firmen sind im Lebensmittelsektor tätig. Die sehen sich derzeit nicht nur einer großen Nachfrage durch die Verbraucher ausgesetzt, sondern müssen unter widrigen Umständen auch ihre Produktion sichern. Andere Firmen aus Gastronomie, Hotellerie oder dem Tourismusgewerbe bangen um ihre Existenz, weil die Kunden ganz wegbleiben und kein Ende in Sicht ist. Vorrangig geht es laut Schroedter um Fragen wie diese: Was passiert, wenn Mitarbeiter erkranken, die Lieferkette unterbrochen wird, der Betrieb vielleicht ganz geschlossen werden muss? Und wie überbringt man schlechte Nachrichten an Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und die Öffentlichkeit, ohne dass es zu Überreaktionen oder gar Panik kommt.

In vielen Chefetagen lägen derzeit die Nerven blank, erzählt der Krisenberater. Die Angst, falsch zu reagieren und damit dem Unternehmen zu schaden, sei groß. "Unternehmen wollen auf den Krisenfall vorbereitet sein, wir helfen ihnen dabei", erklärt Schroedter. Ziel sei es, nicht zum Getriebenen zu werden, sondern dem Geschehen mindestens einen Schritt voraus zu sein. Er weiß aber auch, dass die harte Zeit erst beginnt: "Wir stellen uns darauf ein, dass jetzt die kritische Phase für Firmen beginnt", meint er. Das bedeute in vielen Fällen Kurzarbeit oder gar vorübergehende Betriebsschließungen.

Er selbst arbeitet schon seit einigen Tagen meist im Home-Office und betreut nebenbei seine drei Töchter. Erste E-Mails checkt er zwischen sechs und sieben Uhr morgens, dann geht er in den Supermarkt um die Ecke, um sich ein Bild von der Versorgungslage zu machen. Gegen zehn Uhr tauscht er sich mit Kollegen in einer ersten Videokonferenz aus, über die aktuelle Lage und Szenarien für das, was kommt. "Seit Anfang März haben wir ein Team von fünf Leuten, das nichts anderes macht, als mehrmals täglich alle verfügbaren Informationen auszuwerten und zusammenzustellen." Eines ist für den Mann, der früher Wirtschafts- und Sportjournalist war, dabei besonders wichtig: "Daten müssen aus seriösen, öffentlich verfügbaren Quellen stammen. Wir erleben immer wieder, wie sich Informationen verselbstständigen und Gerüchte entstehen. Das gilt es in der Krise zu vermeiden."

© SZ vom 25.03.2020
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