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Hildegard Müller: "Wir dürfen nicht nur auf das Mobilitätsverhalten von Städtern sehen, sondern müssen auch Vertrauen im ländlichen Raum schaffen".

(Foto: dpa)

VDA-Präsidentin Hildegard Müller besucht München, wo wichtige Mitglieder sitzen und die nächste IAA stattfindet.

Von Thomas Fromm

Eines gleich schon mal vorweg: Hildegard Müller fährt selbst einen Hybrid-Wagen, und sie sagt, dass sie gerne Auto fährt. Alles andere wäre jetzt wohl auch ein Wunder, denn die 53-Jährige ist seit Februar Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), und da kann es schon mal per se nicht schaden, wenn man sich als autoaffin outet. Auch wenn Müller, anders als ihr Vorgänger an der VDA-Spitze, der frühere Ford-Manager Bernhard Mattes, nicht aus der Autoindustrie kommt.

Hildegard Müller kommt irgendwie von überall her. Von der Dresdner Bank, von der Jungen Union, aus dem CDU-Bundesvorstand, dem Parteipräsidium und dem CDU-Landesvorstand von Nordrhein-Westfalen. Sie war Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, war beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, und bei RWE. Und jetzt ist sie Chefin des wohl mächtigsten Lobbyverbandes des Landes.

Müller ist auf eine mehrtägige München-Visite gekommen. Hier sitzen wichtige Mitglieder: BMW, MAN. Auch Audi ist nicht weit. Nach ihrem Mittagstreffen mit Journalisten fährt sie weiter zum Autozulieferer Webasto nach Stockdorf, südlich der Landeshauptstadt. Aber jetzt möchte sie erst einmal erklären, warum München der richtige Ort ist für die nächste Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) im September 2021. Sie erklärt das neue Konzept, berichtet von Open Spaces und Mobilitätserlebnissen. Und wird gefragt, ob München nicht eigentlich eh schon ziemlich voll ist? Auch mit Messen? Vielleicht. Aber München sei eben auch eine "pulsierende und faszinierende Stadt", findet die Frau aus Rheine in Westfalen.

Und es gibt ja auch noch andere Themen. Die Krise der Automobilindustrie, Corona und die Folgen, China, die Zukunft der deutschen Hersteller. Und es gibt aktuelle Zahlen: Im Juli wurden in Deutschland 314 938 Autos zugelassen, teilte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) am Mittwoch mit. Das waren zwar immer noch 5,4 Prozent weniger als im Vorjahresmonat, aber: Der Rückgang bei den Neuzulassungen ist damit wesentlich schwächer geworden. Noch im Juni waren die Zahlen um ein Drittel eingebrochen. "Der Juli zeigt erste positive Tendenzen", sagt Müller. Dies mache "Hoffnung". Und sie hoffe, "wir werden von einer zweiten kollektiven Welle verschont".

Für die Arbeit der Regierung hat Müller viel Lob übrig, von der Kurzarbeit bis zum Konjunkturpaket. Brauchen wir jetzt noch mehr davon? "Wir müssen erst mal schauen, wie diese Instrumente wirken", sagt sie. Eigentlich wäre es auch nicht verkehrt, wieder ein Stück weit zur Realwirtschaft zurückzukehren. Da aber die Insolvenzen zunehmen dürften im Herbst, schaue man sich beim VDA den gestressten Automobilsektor ganz genau an. Und man achtet darauf, dass im Zuge einer möglichen Insolvenzwelle unter Zulieferbetrieben die Lieferketten nicht reißen. Vor allem aber sei es wichtig, "dass wir die Grenzen offen halten". Anders als im Frühjahr, als in Europa wieder Grenzen hochgezogen wurden und wichtige Komponenten und Zulieferprodukte plötzlich irgendwo hängen blieben. Immerhin aber hätten die harten Wochen im Frühjahr mit all ihren Einschränkungen eines gezeigt: "Wir haben gesehen, wie wichtig Individualverkehr ist."

Die Frau, die aus der Politik kommt, hat ein Gespür für das, was viele Menschen wollen. Und das sei eben: Mobilität. Car Sharing, neue Mobilitätsformen, alles gut und schön. Aber man dürfe sich "nicht nur das Mobilitätsverhalten von Städtern ansehen", sondern müsse auch "Vertrauen im ländlichen Raum schaffen". Will heißen: Verkehrspolitiker sollten nicht nur auf die Menschen im Berliner Prenzlauer Berg und in München-Haidhausen schauen, sondern auch auf die Leute in Thüringen und der Oberpfalz.

© SZ vom 06.08.2020

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