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Nahaufnahme:Abstand in der Achterbahn

„Wir überlegen, welche Besucherzahl wir verantworten können. Wir möchten kein neuer Infektionsherd werden“, sagt Roland Mack.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Europa-Park-Chef Roland Mack darf Ende Mai öffnen. Nach dem Shutdown muss er aber jetzt die Parkregeln ändern.

Wie fährt man in Corona-Zeiten Achterbahn? Bislang war dies den Börsenkursen vorbehalten. Doch schon Ende Mai sollen dies Adrenalin-Fans auch wieder in den größten deutschen Freizeitparks erleben können: Der Europa-Park will am 29. Mai seine Pforten öffnen - wegen der Corona-Krise mit zweimonatiger Verspätung. Der Heide-Park öffnet wohl am 25. Mai, nur beim Phantasialand ist das Datum noch unklar. Europa-Park-Chef Roland Mack hat jedenfalls schon einmal ausprobiert, ob ein Mund-Nasenschutz in der Achterbahn überhaupt hält, denn der ist nun Pflicht in den Fahrgeschäften: "Bei der Achterbahn Silverstar funktioniert das ganz gut", sagt er, "zumal einem da bei 150 Stundenkilometern der Wind ins Gesicht bläst".

Mack, 70, hat sowieso Erfahrung mit kräftigem Gegenwind, nachdem vor zwei Jahren ein Bereich des mit jährlich 5,7 Millionen Besuchern größten deutschen Freizeitparks abgebrannt ist. Da sei der Europa-Park noch glimpflich davongekommen, sagt er. Doch nun die Corona-Pandemie. "Das ist ein ganz komisches Gefühl, so eine Situation war ja unvorstellbar", sagt er angesichts der Zwangsschließung. Sicher gebe es Notfallszenarien, "aber an so einen Shutdown hat niemand gedacht". Selbst als die ersten Freizeitparks in China schließen mussten, sei es nicht absehbar gewesen, "dass es uns auch treffen könnte".

Mitte März musste der Wasserpark Rulantica schließen, den Mack erst im November eröffnet hatte. "Wir haben eine Krisenrunde einberufen, Aufgaben verteilt und Finanzpläne gemacht, um sicherzustellen, dass die Liquidität nicht einbricht." Unter anderem mussten die Parkbetreiber 2000 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, 2000 Arbeitsverträge aufschieben sowie Investitionen von 40 Millionen Euro auf Eis legen. "Wir haben das Kurzarbeitergeld für drei Monate um einen freiwilligen siebenstelligen Betrag aufgestockt, damit unsere Mitarbeiter noch auskömmlich leben können", sagt Mack - eine Geste der Verbundenheit mit der Region. Er rechnet inklusive Hotels und Veranstaltungen "bisher mit einem Umsatzverlust von knapp 100 Millionen Euro". Hinzu komme, "dass wir nur mit halber Kraft starten können, da geht mehr Eigenkapital kaputt".

Das Konzept sieht höchstens 15 000 Besucher mit Internet-Buchung pro Tag vor, in normalen Zeiten fasst der Park 60 000. "Wir versuchen erst einmal, mit der Hälfte der Mitarbeiter zu fahren und überlegen, welche Besucherzahl wir verantworten können", sagt Mack. "Wir möchten kein neuer Infektionsherd werden." Die Gesundheit der Mitarbeiter und Besucher stehe "über allen anderen Interessen". Neben Abstandsregeln und Maskenpflicht in Fahrgeschäften, überdachten Bereichen, Wartezonen, werden Flächen und Griffe desinfiziert. In den Fahrgeschäften sollen Familien zusammensitzen, womöglich werden Reihen und Sitze freigehalten. "Ein Test mit unseren Mitarbeitern wird zeigen, wie sich das am besten umsetzen lässt." Mit einer eigenen App zum Social Distancing will der Europa-Park versuchen, eine Art Wettbewerb unter den Gästen zu initiieren, bei dem die besten Abstands-Halter auch etwas gewinnen können. "Wenn der Kunde bei den Abstandsgeboten nicht mitspielt, wird es schwer", sagt Mack.

Einen KfW-Kredit braucht er übrigens nicht, "weil wir hervorragende Bankverbindungen haben". Mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will er aber an diesem Dienstag über die Probleme des Mittelstandes sprechen. "Der verbraucht jetzt Eigenkapital und kann dann später keine Investitionen mehr tätigen", fürchtet Mack. Er fordert Steuerabschreibungsprogramme und Investitionszuschläge. "Wenn der Mittelstand keine Perspektiven mehr hat, kann er nicht investieren, da besteht absoluter Handlungsbedarf."

© SZ vom 12.05.2020

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