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Umsatzzahlen:Wie Twitter sich selbst verprügelt

Twitter

Das Twitter-Logo auf einem riesigen Banner vor der New Yorker Börse.

(Foto: AFP)
  • Twitter legt bessere Umsatzzahlen als erwartet vor.
  • Die Nutzerbasis stagniert jedoch weiterhin.
  • Mit klaren Worten schickt Interims-Chef Jack Dorsey die Aktie auf Talfahrt.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Twitter hat in der jüngeren Vergangenheit einige bemerkenswerte Tage erlebt, doch der Dienstag dürfte es locker in die Top 10 unter ihnen schaffen.

Zunächst verkündeten pünktlich zum Börsenschluss die beiden Produktmanager Christian Oestlien und Todd Jackson, das sie das Unternehmen Richtung Youtube respektive Dropbox verlassen würden. Sie schließen sich einer Reihe von Führungskräften an, die durch die seit Monaten heftig rotierende Twitter-Drehtür verschwinden. Erst im Juni hatte sie auch CEO Dick Costolo hinausbefördert.

Dann legte die Firma nach Börsenschluss überraschend ordentliche Quartalszahlen vor: Eine jährliche Umsatzsteigerung von 64 Prozent auf 502 Millionen US-Dollar - deutlich mehr als erwartet. Dazu mit 137 Millionen Dollar ein geringerer Verlust als von Analysten prognostiziert. Der Kurs kletterte nachbörslich um mehr als fünf Prozent.

"Das ist inakzeptabel"

Eigentlich eine gute Vorlage für Jack Dorsey und dessen ersten offiziellen Auftritt als neuer Interims-Chef. Doch die über den Twitter-Livestreamingdienst Periscope übertragene Analysten-Telefonschalte erinnerte inhaltlich an die Szenen aus dem Film Fight Club, in denen sich Edward Norton selbst verprügelt.

"Das ist inakzeptabel und wir sind nicht glücklich", erklärte Dorsey zu dem schwachen Wachstum aktiver Nutzer von 302 auf 304 Millionen. Und sein Finanzchef Anthony Noto ergänzte: "Wir erwarten kein anhaltendes Wachstum, bis wir den Massenmarkt erreichen." Bis dahin könne eine "beträchtliche Zeit" vergehen.

Wie Twitter zum Mainstream werden soll, ist noch nicht ganz klar. Menschliche Kuratoren sollen, das ist bekannt, den Einstieg erleichtern; der reine Strom von Tweets soll besser gefiltert werden. Der Dienst solle so einfach sein wie "aus dem Fenster zu gucken, um zu sehen, was passiert", so Dorsey. Man müsse nicht nur das Fenster zur Welt, sondern auch das beste globale Mikrofon werden.

Wann hat ehrliche Selbstkritik kombiniert mit Bitte um Geduld und vagen Versprechen die Wall Street je beeindruckt? An diesem Dienstag gelang das jedenfalls nicht: Der Twitter-Kurs stürzte - wiederum nachbörsllch - um zehn Prozent ab.

Hätte Twitter-Gründer Dorsey das Management unter seinem Vorgänger Costolo namentlich als Schuldige an den Pranger gestellt, die Botschaft hätte nicht klarer sein können. Wohlwollend interpretiert gibt der denkwürdige Auftritt dem nächsten Twitter-CEO nun die Gelegenheit, die kräftig nach unten geschraubten Erwartungen zu übertreffen.

Eine Entscheidung über die endgültige Besetzung des Chefsessels soll wohl bis Ende September fallen - dass Dorsey selbst gerne länger bleiben würde, gilt als ausgemacht. Der gewöhnlich gut informierten Reporterin Kara Swisher zufolge würde sich der 38-Jährige theoretisch sogar zutrauen, weiter sowohl Twitter als auch sein Bezahl-Start-up Square zu leiten, das an die Börse streben soll.

Debatte um Aktien-Optionen

Weder Aufsichtsrat, noch Umfeld oder Investoren sind von dieser Form des Gründer-Größenwahns jedoch besonders angetan. "Jack muss zupacken oder den Fisch von der Angel lassen - um Square und um Twitter willen", zitiert Swisher eine anonyme Quelle. Twitter-Manager Adam Bain gilt weiterhin als mögliche Alternative.

Wer auch immer im Herbst am Ruder sitzt, muss mehr tun, als die Frage "Was ist Twitter?" zu beantworten und die Nutzerzahl zu steigern. Angesichts der schwachen Bilanz gerät die großzügige Ausgabe von Aktien-Optionen an das Management immer stärker in den Fokus der Anleger.

Im vergangenen Quartal gab die Firma 175 Millionen Dollar für aktienbasierte Vergütungen von Mitarbeitern aus - rechnerisch sind das immerhin 35 Prozent des Umsatzes.

Erfahrungsgemäß fließt ein guter Teil der Summe an die Chefetage und das höhere Management. Twitter-Finanzchef Anthony Noto konnte etwa vergangenes Jahr nach seinem Wechsel von Goldman Sachs 72 Millionen US-Dollar in Twitter-Anteilen verbuchen.

Warum Aktien für Tech-Mitarbeiter wichtig sind

Unternehmensanteile und Aktien-Optionen spielen in der Technologie-Branche weiter eine große Rolle - sie sind für Start-Ups ein beliebtes Mittel, um Mitarbeiter auch ohne großes Grundgehalt zu locken. Später fungieren sie wie in anderen Branchen als (nach einer gewissen Haltefrist einlösbare) Bonus-Zahlungen, die häufig einen beachtlichen Teil des Gehalts ausmachen. Mitarbeiter erhalten die Aktien zum Vorzugspreis und können so im Idealfall von der Differenz und Kursgewinnen profitieren.

Eigentlich sollen die Optionen Mitarbeiter langfristig an die Firma binden, doch im umkämpften Arbeitsmarkt des Silicon Valley können sie auch abschreckend wirken: Dass das börsendotierte Bewertungsportal Yelp jüngst viele Stellen nicht besetzen konnte, dürfte direkt mit dem sinkenden Kurs seiner Aktie zusammenhängen.

© Süddeutsche.de/hgn

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