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Nach Zinssatz-Manipulationen:Finanzaufsicht entzieht Banken Kontrolle über Libor

Die britische Finanzaufsicht verschärft die Aufsicht über die Skandalgröße Libor. Statt der Banken selbst, soll ein neues Gremium über den Leitzinssatz wachen - und mögliche Manipulationen strenger ahnden. Weltweit stehen mehr als ein Dutzend Großbanken unter Verdacht, in den Skandal verwickelt zu sein. Der Libor soll trotzdem erstmal bleiben.

Andreas Oldag und Andrea Rexer

Nach dem Skandal um die Manipulation des Libor-Zinssatzes steht das gesamte System vor einer grundlegenden Reform. "Das bisherige Modell für die Zinsbestimmung ist beschädigt und muss komplett überarbeitet werden", erklärt Martin Wheatley von der staatlichen britischen Finanzaufsicht Financial Services Authority (FSA) in London.

The FSA's Martin Wheatley Delivers His Report Into LIBOR Reforms

Die Bank von England in London: Die britische Bankenaufsicht will das Libor-System reformieren.

(Foto: Bloomberg)

Zentrales Element der Reform ist, dass die British Banking Association (BBA) nicht länger für die Zinsermittlung zuständig ist. Damit wird die Selbstkontrolle den Kreditinstituten entzogen. Künftig soll ein neues Gremium unter strengen Vorgaben der FSA über den Libor wachen. Außerdem sollen Verstöße als Straftat geahndet und die Zahl der teilnehmenden Banken erhöht werden, um Manipulationen zu erschweren.

Wheatley hatte im Auftrag der britischen Regierung eine Untersuchung des Systems geleitet und am Freitag einen Zehn-Punkte-Plan zur Reform vorgelegt. "Der Bankenverband ist klar damit gescheitert, die Libor-Ermittlung angemessen zu beaufsichtigen", sagte Wheatley. Weltweit stehen mehr als ein Dutzend Großbanken unter Verdacht, den Libor (London Interbank Offered Rate) in den vergangenen Jahren manipuliert zu haben, darunter auch die Deutsche Bank. Zudem wird gegen die Citigroup, Royal Bank of Scotland und Morgan Chase ermittelt.

Der Libor wird täglich am Finanzplatz London festgelegt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er basiert bislang auf Angaben von 16 internationalen Banken und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und zahlreiche Finanzgeschäfte im Volumen von 360 Billionen Dollar. Ähnlich wie beim Libor-Satz gibt es auch Ermittlungen wegen Manipulationen des europäischen Referenzzinses Euribor. Mit falschen Angaben haben Händler illegal Gewinne kassiert und die wahren Finanzierungskosten verschleiert.

Als erstes Institut hatte die britische Großbank Barclays in dem Skandal ein Fehlverhalten eingeräumt und sich mit Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien im Sommer dieses Jahres auf eine Geldbuße von 290 Millionen Pfund (360 Millionen Euro) geeinigt. In diesem Zusammenhang war unter anderem Konzernchef Bob Diamond zurückgetreten.

Externe Prüfer zur Kontrolle

Trotz aller Kritik hat sich die FSA nicht dazu durchgerungen, den Libor abzuschaffen. Der Zinssatz sei im Finanzsystem gut verankert, erklärt Wheatley. Es gebe derzeit keine besseren Alternativen. Langfristig könne man aber über eine Abschaffung nachdenken. Künftig soll die Zinsermittlung nicht mehr auf den geschätzten Refinanzierungskosten der Banken beruhen, sondern auf den tatsächlichen Transaktionen.

Zudem müssen die Händler, die die täglichen Libor-Meldungen abgeben, eine besondere Genehmigung haben. Darüber hinaus sollen mehr Banken an der Ermittlung des Zinses beteiligt werden, damit ein einzelnes Institut den Zinssatz nicht mehr so stark beeinflussen kann.

Die FSA plant den Einsatz von externen Prüfern, die die Berechnungen künftig regelmäßig kontrollieren. Außerdem will Wheatley die Zahl der Libor-Sätze auf 20 reduzieren, da die seltener genutzten Sätze leichter zu manipulieren sind. Derzeit gibt es insgesamt 150 verschiedene Libor-Sätze je nach Währung und Laufzeit.

Auch die Deutsche Bank steht im Libor-Skandal am Pranger. Die neue Führungsspitze hat mehrfach betont, dass die Bank die Ermittlungen unterstütze. So sollen 100 Mitarbeiter mit der Durchsicht von 50 Millionen E-Mails im Zusammenhang mit Libor-Ermittlungen befasst sein. "Nach aktuellem Stand der Untersuchungen war kein amtierendes oder früheres Mitglied des Vorstands auf irgendeine unangemessene Weise in die untersuchten Vorgänge um Referenzzinssätze verwickelt", heißt es in einem Mitarbeiterbrief von Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Damit nahm er Spekulationen den Wind aus den Segeln, dass Co-Vorstandschef Anshu Jain, früher Chef des Investmentbanking, in den Skandal verwickelt sein könnte.

Bis die Affäre aufgearbeitet sein wird, könnte es noch einige Zeit dauern, ließen Bankenaufseher durchblicken. Doch schon jetzt ist die Affäre eine Belastung für die gesamte Branche.

"Ich betrachte die Auswirkungen als eine Katastrophe für die Bankenindustrie. Selbst wenn noch offen ist, ob es tatsächlich eine Zinsmanipulation gegeben hat", sagte Achleitner kürzlich dem Handelsblatt. Die Banken reagieren mit einer Charme-Offensive: Nicht nur der deutsche Branchenprimus hat sich einem Kulturwandel verschrieben, auch UBS-Präsident Axel Weber und der neue Barclays-Chef Antony Jenkins fordern ein Umdenken.

© SZ vom 29.09.2012/fran

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