Modeindustrie:Schmutzige Wäsche

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Modeindustrie: Eine Laufsteg-Modeschau der besonderen Art: Models protestierten 2015 mit Gasmasken gegen die Verschmutzung des indonesischen Fluss Citarum. Viele Textilfirmen leiten hier neben anderen ihre giftigen Abwässer ein.

Eine Laufsteg-Modeschau der besonderen Art: Models protestierten 2015 mit Gasmasken gegen die Verschmutzung des indonesischen Fluss Citarum. Viele Textilfirmen leiten hier neben anderen ihre giftigen Abwässer ein.

(Foto: Romeo Gacad/AFP)

Die Bekleidungsbranche gehört zu den großen Klima- und Umweltsündern. Undurchsichtige Lieferketten sind dabei nicht das einzige Problem.

Von Silvia Liebrich, München

Der indonesische Fluss Citarum gilt als einer der schmutzigsten der Welt. Hunderte angrenzende Textil-Fabriken und andere Firmen leiteten lange Zeit ihr Schmutzwasser in den Strom, angereichert mit Quecksilber, Blei, Arsen und anderen hochgiftigen Stoffen. Zugleich ist der Fluss für viele Menschen in der Region die einzige Wasserquelle. Ein besonders drastisches Beispiel für die gefährlichen Nebenwirkungen der Modeindustrie, die nicht im Preis einer Jeans, eines T-Shirts oder anderer Kleidungsstücke enthalten sind.

Umweltschäden, die durch giftige Chemikalien im Produktionsprozess entstehen, der Raubbau an Trinkwasserreserven oder das Freisetzen schädlicher Treibhausgase: All dies verursacht Kosten, die am Ende meist die Allgemeinheit tragen muss. 1,2 Milliarden Tonnen CO₂ verursacht die Textilindustrie jährlich, das ist mehr als der internationale Flugverkehr und die Kreuzschifffahrt zusammen und macht fünf Prozent der globalen Emissionen aus. Allein um ein Baumwoll-T-Shirt herzustellen (250 Gramm) werden 2500 Liter Wasser oder mehr verbraucht.

"Die Menschen wollen wissen, was sie am Körper tragen."

Unternehmen müssen in den nächsten Jahren einiges tun, um ihre Produktion grüner, klimafreundlicher und sozial verträglicher zu gestalten. Das fordert auch die Kundschaft, wie eine internationale Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) zeigt. Demnach halten 75 Prozent der Teilnehmer das Thema Nachhaltigkeit bei Kleidung inzwischen für äußerst oder sehr wichtig. Befragt wurden Verbraucher in Brasilien, China, Frankreich, Großbritannien und den USA. "Es gibt ein wachsendes Interesse. Die Menschen wollen wissen, was sie am Körper tragen", bestätigt auch Ella Cullen, Mitgründerin von Threadcounts, einem Start-up, das die Lieferkette der Modeindustrie nachhaltiger und transparenter gestalten will. Die Technologie dafür stammt vom Blockchain-Unternehmen Minespider, das großen Autokonzernen wie VW dabei hilft, ihre Lieferkette für Metalle und andere Rohstoffe zu kontrollieren.

Mit Threadcounts will Cullen nicht nur Textilhersteller als Kunden gewinnen, sondern auch Verbraucher mit einer App unterstützen, die als Einkaufshilfe dient. Doch bis dahin sei es noch ein weiter Weg, sagt Cullen. An der Herstellung eines Kleidungsstücks sind unzählige Lieferanten und deren Subunternehmer beteiligt. "Ein Modelabel weiß, wer sein Lieferant für bestimmte Güter ist, aber schon bei der Frage, wer dessen Auftragnehmer sind, wird es schwierig."

Auf die Firmen komme ein hartes Stück Arbeit zu, meint Cullen, die vor ein paar Monaten in der Türkei recherchierte. Das Land gilt als einer der großen Produzenten und Verarbeiter von Baumwolle. Es sei schwierig gewesen, überhaupt an gesicherte Informationen zu kommen, sagt die Firmengründerin. Das beginne schon bei der Frage, woher der verarbeitete Rohstoff Baumwolle tatsächlich stammt, ob aus der Türkei oder Turkmenistan, wo die Bevölkerung seit Jahrzehnten unter dem extensiven Anbau von Baumwolle und anderen Agrarrohstoffen leidet. Wasser wird dort immer knapper, die Pestizidbelastung ist hoch.

Der Aufwand, komplexe Lieferketten zu durchleuchten, ist groß

Cullen glaubt, dass es noch Jahre dauern dürfte, komplexe Lieferketten von Anfang bis Ende zu durchleuchten. Zugleich sei die Angst der großen Labels vor Imageschäden groß, "etwa wenn herauskommt, dass Angaben etwa zum Einsatz von Chemikalien falsch sind". Hinzu komme die Furcht, dass Konkurrenten zu viel Einblick in sensible Geschäftsbereiche bekommen könnten.

Wie langwierig der Weg zu einer saubereren Produktion sein kann, zeigt das Beispiel einer Jeans. Deren Herstellung gilt als besonders umweltschädlich. Tausende Chemikalien, zum Teil hochgiftig, werden eingesetzt. Die großen Marken geloben Besserung. "Beim Einsatz von Chemikalien sehen wir durchaus Fortschritte, sowohl bei größeren als auch kleineren Herstellern", sagt Manfred Santen, Experte für Giftstoffe bei Greenpeace. Ein Teil der besonders schädlichen Chemikalien sei inzwischen aus der Produktion verbannt. Am Ziel sehen sich die Umweltschützer aber noch lange nicht, noch immer sind viele Giftstoffe im Einsatz.

Auch die Branchenanalysten von BCG bemängeln, dass der Wandel langsamer voranschreitet als erwartet. Gehe es in diesem Tempo weiter, würden 40 Prozent der Textilindustrie weder die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen noch die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllen, warnen die Experten. Ein Problem sehen sie im rasanten Wachstum der Branche. Nimmt der Kleiderkonsum wie erwartet zu, von 62 Millionen Tonnen im Jahr 2017 auf 102 Millionen Tonnen im Jahr 2030, bedeutet das einen Zuwachs von 63 Prozent. Um das zu ändern, ist nicht nur ein Umdenken der Produzenten, sondern auch der Verbraucher nötig.

In einigen Produktionsländern zeichnet sich bereits ein Wandel ab, wie das Beispiel des Flusses Citarum zeigt. Vor drei Jahren kündigte die Regierung des Landes an, dass der Fluss von 2025 wieder trinkbares Wasser liefern soll. Ein teures Sanierungsprojekt, für das die Regierung umgerechnet 3,5 Milliarden Euro ausgeben will.

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