Mindestlohn Im Mittelfeld

Ob Kellner oder Taxifahrer - viele Menschen bekommen durch den Mindestlohn mehr Geld. Im Vergleich allerdings nicht wirklich.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Viele EU-Staaten haben die Mindestlöhne gerade angehoben - Deutschland nicht. Damit liegt Deutschland am unteren Rand der westeuropäischen Spitzengruppe.

Von Thomas Öchsner

9,88 Euro in Frankreich, 9,47 Euro in Belgien, 9,68 Euro in den Niederlanden - 19 der 22 EU-Länder haben ihren Mindestlohn zum Jahresanfang oder im Lauf des Vorjahres erhöht. In Deutschland blieb er mit 8,84 Euro die Stunde 2018 unverändert. Mit diesem Wert liegt Deutschland am unteren Rand der westeuropäischen Spitzengruppe. Dies geht aus einer Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Der deutsche Mindestlohn sei auch gemessen am allgemeinen Lohnniveau im Land "moderat", stellten die Forscher fest.

Deutschland ist dem WSI-Report zufolge das einzige EU-Land, in dem der Mindestlohn nur alle zwei Jahre angepasst wird. Auch deshalb hätten zum Mindestlohn beschäftigte Arbeitnehmer, etwa in der Gastronomie (siehe Bild), zuletzt einen leichten Reallohnverlust hinnehmen müssen. Ihre Kaufkraft ist demnach nach Abzug der Teuerungsrate gesunken.

Spitzenreiter in dem europäischen Vergleich bleibt - mit weitem Abstand vor Frankreich - das Herzogtum Luxemburg. Dort beträgt der Mindestlohn bereits seit dem vergangenen Jahr 11,55 Euro. In Rumänien müssen Unternehmen mindestens 2,50 Euro, in Polen 2,85 Euro bezahlen, in Griechenland 3,39 Euro. In Deutschland wird die Mindestlohnkommission im Juni 2018 über eine mögliche nächste Erhöhung entscheiden. Sie orientiert sich dabei an der Entwicklung der Tariflöhne. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes könnte die Lohnuntergrenze von 2019 an um 35 Cent auf 9,19 Euro steigen.

Die Wissenschaftler untersuchten auch, welchen Stellenwert der Mindestlohn im Vergleich zu anderen Löhnen hat. Das zeigt ein Blick auf den Medianlohn, dem Verdienst, der genau in der Mitte der Verteilung liegt, bei dem also die eine Hälfte der Erwerbstätigen mehr und die andere Hälfte weniger verdient. Auch hier bewegt sich Deutschland im Mittelfeld.

In Deutschland lag der Mindestlohn 2016 bei knapp 47 Prozent des Medianlohns. 13 EU-Länder kamen auf höhere Werte, allen voran Frankreich, aber auch Portugal oder Polen. "Ohne Unterstützung durch ein starkes Tarifvertragssystem" könne der Mindestlohn auf sich allein gestellt wenig helfen, die Beschäftigung zu Niedriglöhnen einzudämmen, schreiben die Autoren der Studie. Daher seien weitere Maßnahmen notwendig, die Tarifbindung zu stärken. Union und SPD streben dies in der Pflegebranche an, wenn es zu einer neuen großen Koalition in Berlin kommen sollte.