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Mexiko:Zugriff im Nobelviertel

Former chief executive of Mexico's state oil firm Pemex, Emilio Lozoya, is escorted by Spanish police officers at a court in Marbella

Spanische Polizisten führen den ehemaligen Pemex-Manager ab.

(Foto: Jon Nazca/Reuters)

Monatelang war Emilio Lozoya auf der Flucht. Nun hat die spanische Polizei den ehemaligen mexikanischen Öl-Manager in der Nähe von Marbella festgenommen.

Nach fast neun Monaten auf der Flucht hätte es wahrscheinlich keinen symbolischeren Ort für die Festnahme von Emilio Lozoya Austin geben können als La Zagaleta. Hier, in den sanften Hügeln an der spanischen Mittelmeerküste, steht auf dem einstmaligen Jagdsitz eines arabischen Waffenhändlers eine der exklusivsten Wohnanlagen ganz Europas. 900 Hektar, zwei Golfplätze, Reitstall, Klubhaus und vor allem: viel Diskretion. Wer die Bewohner der mehr als 2oo Villen in La Zagaleta sind, ist weitgehend unbekannt. Unklar ist darum auch, wer dem flüchtigen Emilio Lozoya hier Unterschlupf gewährt hat. Sicher ist nur: Am Mittwochvormittag wurde der Mexikaner verhaftet und in Handschellen auf das Polizeirevier gebracht. Und so endet im noblen La Zagaleta nicht nur eine spektakuläre Flucht, sondern auch das Luxusleben eines Mannes, der einstmals zu den mächtigsten Wirtschaftsbossen seines Landes gehörte - nur um dann zu einem der meistgesuchten Männern Mexikos zu werden.

Umgerechnet mehr als 10 Millionen Euro Schmiergelder soll der 45-Jährige kassiert haben, glauben mexikanische Ermittler. Sie vermuten auch, dass Lozoya Teil eines länderübergreifenden Korruptionsnetzes war, das bis in die allerhöchsten wirtschaftlichen und politischen Kreise reichte. Tatsächlich wurde Lozoya den allermeisten Mexikanern erstmals bekannt als Berater im Wahlkampfteam des damaligen Präsidentschaftskandidaten Enrique Peña Nieto. 2012 gewann er die Wahlen in Mexiko, und umgehend wurde Lozoya in die Chefetage von Petróleos Mexicanos gehievt. Der Konzern, im Volksmund nur Pemex genannt, besitzt in Mexiko ein Monopol auf Treibstoff. Das beschert ihm gigantische Umsätze, zuletzt mehr als 70 Milliarden Euro im Jahr. Pemex ist weltweit einer der größten Ölkonzerne und in Mexiko ein unumgänglicher Machtfaktor.

Lozoya, so der Vorwurf, soll seinen Einfluss ausgenutzt haben, um bei Geschäften kräftig mitzukassieren. In Mexiko hat die Generalstaatsanwaltschaft darum zwei Haftbefehle gegen ihn ausgestellt. Einmal soll Lozoya als Chef von Pemex den Kauf einer komplett maroden Düngemittelfabrik im Besitz einer Stahlfirma angeordnet haben. Im Gegenzug, so der Verdacht, habe diese ihm mehrere Millionen Dollar zugeschoben. Noch lukrativer soll für Lozoya die Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Baukonzern Odebrecht gewesen sein. Dieser betrieb nicht nur Baustellen in ganz Lateinamerika, sondern verfügte auch über eine eigene Schmiergeldabteilung. Sie bestach Politiker und Wirtschaftsbosse auf dem ganzen Kontinent, um sich so Einfluss zu sichern und an lukrative Aufträge zu kommen. Die Baukosten wurden dabei stets viel höher angegeben, als sie es tatsächlich waren. Die Differenz wurde dann am Ende zwischen allen Beteiligten aufgeteilt, so der Verdacht. Im Falle von Lozoya soll das dem Manager weitere neun Millionen Dollar eingebracht haben.

Lozoya hat bislang alle Vorwürfe abgestritten. Statt sich aber der Justiz zu stellen, tauchte der ehemalige Topmanager im Frühjahr 2019 unter. Es wurde ein internationaler Haftbefehl gegen ihn ausgestellt, zwischenzeitlich wurde Lozoya sogar in Deutschland vermutet. Hier hat er seit jeher gerne Urlaub gemacht, hier ist er an mehreren Firmen beteiligt. Zudem stammt Lozoyas Ehefrau Marielle Eckes aus der Bundesrepublik, ihre Verwandten gehören zu den Gründern des Saftherstellers Eckes-Granini. 2019 reiste Lozoya tatsächlich nach Deutschland, er landete mit dem Flugzeug in Frankfurt, dann verlor sich seine Spur. Zwar observierten Zielfahnder nach SZ-Informationen mehrere Gebäude in und um München, der Gesuchte aber tauchte nicht auf. Stattdessen nahm die Polizei im Juli 2019 auf der Nordseeinsel Juist seine Mutter Gilda Austin y Solís fest. Sie wurde später nach Mexiko ausgeliefert, wo auch gegen sie wegen Geldwäsche ermittelt wurde.

Für die Regierung des amtierenden Präsidenten Andrés Manuel López Obrador ist die Verhaftung von Lozoya selbst nun ein riesiger Erfolg. Sie war 2018 bei den Wahlen mit dem Versprechen angetreten, endlich aufzuräumen mit der über Jahrzehnte hinweg alles durchsetzenden Korruption im Land. Vor allem die Regierungszeit von Lopez Obradors Vorgänger, Enrique Peña Nieto, gilt vielen Mexikanern als ein Höhepunkt dieser Schmiergeldkultur. Und niemand steht so sehr für sie wie der nun verhaftete Emilio Lozoya Austin. Gespannt warten nun alle darauf, ob der ehemalige Pemex-Chef und Präsidentenberater weiter auf seiner Unschuld beharrt - oder ob er doch auspackt und dabei eventuell noch weitere hochrangige Manager und Politiker belastet.

Wann Lozoya nach Mexiko ausgeliefert wird, ist noch unklar. Dazu läuft auch in Deutschland ein Verfahren: Die Staatsanwaltschaft München hat nach SZ-Information Ermittlungen gegen Lozoya und seine Frau eingeleitet - wegen des Verdachts der Geldwäsche.

© SZ vom 14.02.2020
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