Maut:Konzerne verlängerten erneut ihre Monopole

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Angesichts solcher Zahlen und zunehmender Autofahrer-Wut versuchte Frankreichs sozialistische Regierung vor zwei Jahren eine Korrektur. Zumal viele Abgeordnete aus den eigenen Reihen gar eine Kündigung der Lizenzen verlangten. Doch die Regierung rang den Betreibern nur ab, im Jahr 2015 auf Tariferhöhungen zu verzichten. Die Konzerne verpflichteten sich zwar, 3,2 Milliarden Euro für kleine Ausbauprojekte auszugeben. Im Gegenzug handelten sie aber die Verlängerung ihrer Monopole aus, was die EU-Kommission nur zähneknirschend akzeptierte.Vor wenigen Wochen wiederholte die Regierung den Handel in anderer Form, und wieder wirken die Betreiber als die Sieger. Sie sagten weitere Investitionen zu. Dafür genehmigt der Staat ab 2018 einen stärkeren Anstieg der Gebühren (um bis zu 1,8 Prozent).

Italien: Modekonzern kassiert

Rechtzeitig zum Start in die Weihnachtsferien war 2015 auf der A 1 am Apenninenpass Schluss mit der Übelkeit auf der Rückbank. Am 23. Dezember weihte Regierungschef Renzi eines der bedeutendsten italienischen Verkehrsprojekte ein. Auf der Strecke zwischen Bologna und Florenz, dem Horrorabschnitt der Autostrada del Sole, war die wichtigste Nord-Süd-Verbindung an ihrer engsten, kurvenreichsten und gefährlichsten Stelle völlig neu konstruiert worden. Vorangetrieben und finanziert hat die Durchquerung des Gebirgszugs der börsennotierte Autobahnbetreiber Atlantia, der von der Familie Benetton kontrolliert wird. Atlantia erklärte die vier Milliarden Euro teure Strecke zum "Symbol des italienischen Neubeginns". Das Bauwerk hatte lange auf sich warten lassen: Der erste Entwurf einer Öffnung des Nadelöhrs, durch das sich jahrzehntelang Laster und Autos zwängten, stammt aus dem Jahr 1982. 33 Jahre später waren die Bauarbeiten vollendet. Renzi twitterte: "Kein Mensch hat mehr dran geglaubt, aber #ItalienStartetNeu." Dass der Staat das auch hinbekommen hätte, darf man bezweifeln. Parallel zur bisherigen Strecke durchqueren die Autos nun auf zwei bis vier Spuren pro Fahrtrichtung, teilweise durch Tunnels, den Apennin. Atlantia wirbt mit einem Zeitgewinn von 30 Prozent und insgesamt 100 Millionen Liter eingespartem Treibstoff im Jahr.

Italien privatisierte seine Autobahnen 1999. Nur 950 von insgesamt 6500 Kilometern blieben im Besitz der staatlichen Straßengesellschaft Anas, die tief im Sumpf aus Korruption und Misswirtschaft versunken ist. Sie betreibt noch die mehr oder minder maroden Trassen im Süden und auf Sizilien. In Italien sind heute 87 Prozent der Autobahnen gebührenpflichtig. Die Maut wird von 24 Betreibern kassiert. Der Textilkonzern Benetton krönte mit dem Einstieg ins Autobahngeschäft seine erfolgreiche Diversifizierung. Die Gründer kontrollieren in Italien über den Betreiber Atlantia 3005 Kilometer Autobahn und 256 Mautstationen. Dank der staatlichen Konzession dürfen sie dort noch bis 2038 Geld kassieren. Im Gegenzug verpflichtete sich Atlantia, in dieser Zeit 21 Milliarden Euro in die Verbreiterung und Modernisierung der Trassen zu investieren. Italiens zweitgrößter Autobahnbetreiber ist Gavio mit 1200 Kilometern.

Italien kassiert nach Frankreich die größte Summe in Europa: 841 000 Euro pro Kilometer. Höchst umstritten ist, ob die Höhe gerechtfertigt ist. In einer Parlamentsanhörung meldete die römische Zentralbank Zweifel an. Die Tariferhöhungen überstiegen die Inflation und gewährleisteten den Betreibern hohe Profite. Dem stünde kein Anstieg der Investitionen gegenüber. Die Mautunternehmen rechtfertigen sich mit den schleppenden Genehmigungsverfahren, auch beim Ausbau. Für die Benettons und ihre Mitaktionäre erwies sich das Mautgeschäft zumindest als eine Goldgrube. 2015 stieg der Nettogewinn der Autobahnsparte auf eine Milliarde Euro.

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