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Modeindustrie:Luxuslabels leiden unter Coronavirus

Mitten im dunklen Saal drehte sich bei Gucci ein Karussell, auf dem die Frauen dann angekleidet wurden. Noch nie durfte man so genau hinter die Kulissen des Modezirkus schauen.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Die Mailänder Modewoche hat ein Problem: Es fehlen hunderte Einkäufer aus der abgeschotteten Volksrepublik. Eine Firma nach der anderen revidiert ihre Prognose.

Diesmal lud Gucci-Designer Alessandro Michele die 800 ausgewählten Gäste persönlich mittels einer Sprachnachricht auf WhatsApp zu seiner Schau ein. "Wenn du in Mailand bist und Zeit hast, komm vorbei", sagte er. Damit fingen die Überraschungen erst an. Vor Ort betrat das Publikum dann den Raum vom Backstage-Bereich aus, dort wo die Visagisten und Friseure die 80 Models in weißen Bademänteln stylten. Mitten im dunklen Saal drehte sich ein Karussell, auf dem die Frauen dann angekleidet wurden. Noch nie durfte man so genau hinter die Kulissen des Modezirkus schauen. Zu den hypnotischen Klängen von Ravels "Bolero" traten die Models schließlich an den Rand der Scheibe. Kein Laufsteg, kein Defilee - Michele bot pure Performance. Er beherrscht sie auch an sich selbst immer besser: Rotkariertes Flanellhemd, lange Haare, pastellgrün lackierte Fingernägel. Seine besten Kunden, die Chinesen, haben also was verpasst.

Denn die Mailänder Modeschauen für die kommenden Herbst- und Winterkollektionen gehen in den Zeiten des Coronavirus im Ausnahmezustand über die Bühne. Es fehlen nicht nur hunderte Einkäufer aus der abgeschotteten Volksrepublik. Auch der Verkauf stockt immer mehr. Ein Luxuslabel nach dem anderen nimmt die Wachstumsprognosen für das gerade begonnene Jahr zurück. Der Ausbruch des Virus hat die Branche mit Wucht getroffen. Denn die meisten exklusiven Modehersteller sind von China extrem abhängig. Viele machen dort ein Drittel ihres Geschäfts. Das Wachstum der Branche ging 2019 zu 90 Prozent auf das Konto ausgabenfreudiger Chinesen. "Ihr Fernbleiben ist für uns ziemlich relevant", sagt Carlo Capasa, Chef der Mailänder Modekammer.

Gucci zum Beispiel. Die französische Luxusholding Kering, dessen 15,8-Milliarden-Euro-Umsatz überwiegend von der Florentiner Modemarke erwirtschaftet wird, erzielt 34 Prozent seiner Verkäufe in der Volksrepublik. Seit dem 24. Januar geht dort nun praktisch gar nichts mehr. Geschlossene Einkaufszentren, verkürzte Ladenöffnungszeiten, keine Kundschaft. Sogar der Onlinehandel leidet, weil auch die Logistikzentren lahmgelegt sind. Das Problem hat sich ausgeweitet. "Nach ein paar Tagen schlug die Wirkung auch auf die Verkäufe in Europa und in den Vereinigten Staaten durch", sagte Kering-Chef Francois-Henri Pinault vor einer Woche. In Europa geben chinesische Reisende pro Kopf im Schnitt 790 Euro für Kleidung aus.

Nach Gucci kam in Mailand die Marke Moncler mit einer spektakulären Präsentation an die Reihe. Die rasant wachsende Daunenjacken-Firma ist derzeit ein Liebling der Luxusindustrie. Der Virus traf das hoch profitable Börsenunternehmen hart. Der Absatz in China ging seit dem Beginn der Epidemie um 80 Prozent zurück, informierte das Modehaus vor zehn Tagen Analysten. Betroffen seien auch die anderen Länder der Region, weil die chinesischen Touristen ausblieben. Moncler machte im vergangenen Jahr mehr als 40 Prozent seines Umsatzes in Höhe von 1,6 Milliarden Euro in Asien. Wie andere Markenunternehmen konnte Moncler die empfindlichen Einbußen in Hongkong infolge der Protestwelle gegen die Regierung der Sonderverwaltungszone 2019 mit dem starken Wachstum in China ausgleichen.

"Es entsteht eine Psychose, die nicht nur chinesische Kunden erfasst"

Die nervösen Mode-Chefs halten sich mit Prognosen zurück. Zu ungewiss sei der weitere Verlauf der Epidemie. "Im Dezember hatten wir für 2020 ein Wachstum von drei Prozent erwartet, aber mit dem Ausbruch des Virus ist alles anders", sagt Modekammer-Chef Capasa. Das mittlere Szenario des Verbands geht nun von einem Umsatzrückgang um 1,5 bis 2,5 Prozent aus.

Aber auch wer nicht so stark vom China-Geschäft abhängig ist, macht sich Sorgen. "Es entsteht eine Psychose, die nicht nur chinesische Kunden erfasst", sagt Francesca Bellettini, die italienische Chefin des französischen Modehauses Yves Saint Laurent. Showroom-Besitzer in Mailand bestätigen das. Die Angst vorm Reisen geht generell um, heißt es. So hätten etwa die Amerikaner nur auf das dringend erforderliche Maß zusammengestutzte Teams zur Fashion Week nach Italien geschickt. Der umbrische Kaschmirverarbeiter Brunello Cucinelli versucht der Kalamität etwas Positives abzugewinnen. Er hat den Absatz in China nie besonders vorangetrieben und produziert ausschließlich in Italien. Es hilft nichts: Nun sich auch die 15 Cucinelli-Dependancen in China geschlossen. "Vom Wohlstand lernt man nichts, große Schwierigkeiten stoßen dagegen den Wandel an", sagt er, zum Trost.

© SZ vom 21.02.2020/vit
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