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Bio-Modedesign:Schwitzen für den coolen Look

Bizarre Schönheit: Spitzenschuhe, mit Kristallen bedeckt, die aus Schweiß geronnen sind.

(Foto: Lena C.Emery)

Eine Designstudentin gewinnt Kristalle aus Schweiß. Die Technik könnte die wohl radikalste Form der Nachhaltigkeit ermöglichen: Mode, die aus einem selbst kommt.

Schwer zu sagen, was nun eigentlich das Schönste ist an Alice Potts' Erfindung. Ist es die Optik, die geschliffene Ästhetik jener karmesinroten Kristalle also, die in der inzwischen abgelaufenen Vogue-Ausstellung in der Münchner Villa Stuck auf einem Paar zertanzter Spitzenschuhe erblühten? Ist es die urkomische Tatsache, dass der Ursprung der Kristalle den meisten Leuten ein naserümpfendes "Igitt!" entlocken würde, da es sich um menschliche Körperflüssigkeiten handelt? Oder ist das Schönste nicht doch eher, dass zu diesem Zeitpunkt nicht mal Potts selbst zu sagen weiß, wofür ihre Erfindung eigentlich gut ist? Was etwas heißen will in diesen streng auf Nutzen und Profit getrimmten Zeiten.

Die Villa Stuck an einem trüben Winterabend. Alice Potts kommt hereingeglitten wie der sprichwörtliche Sonnenstrahl: heiter, leuchtend, den Kopf voll blonder Rastazöpfe. 27 Jahre alt. Sie hat gerade ein einjähriges Stipendium der Onassis Foundation in Athen beendet, an Ausstellungen weltweit teilgenommen und viele Interviews gegeben. Alles wegen der Kristalle. Sie haben die Betrachter fasziniert, verblüfft, bezaubert. Mehr haben sie bisher eigentlich nicht getan. Nach kurzem Smalltalk stellt man also die Frage, die hier zweifellos von einem erwartet wird: "So, what is it for?" Sie weiß es noch nicht, sagt sie. "Mode, Kunst, Medizin - es könnte alles sein."

Das Tolle an der Mode ist, dass in ihr manchmal auch Geschöpfe Platz finden, die sonst nirgendwo hinpassen. Man merkt sofort, dass sie irgendwie besonders sind, aber noch nicht, was mit ihnen anzustellen wäre. Geschöpfe wie die Britin Alice Potts eben, die auf Leistungssportniveau Tennis spielte, mathematische Gleichungen liebte und sich für die Textur von Stoffen interessierte. Sie bewarb sich am Royal College of Arts in London und wurde genommen. Sie war der notorische Freak in ihrer Klasse: eine Modestudentin, die über Mode nichts wusste, nicht zeichnen konnte, und während ihre Kommilitonen der Schönheit hinterherjagten, ganz andere Fragen stellte. Woraus wird es gemacht? Kann man es auch anders machen? Kann man es so machen, dass diese textile Zweithaut, die der Mensch da um sich trägt, dem Menschen selbst entnommen ist, was die radikalste Form der Nachhaltigkeit wäre?

"Ich habe mich schon immer sehr für Schweiß interessiert." So ernsthaft, wie sie das sagt, ist es ein zeitlos großer Satz.

Sehr unwissenschaftlich verknappt passierte jedenfalls Folgendes: Die Tennisspielerin Alice Potts hängte ihre durchgeschwitzten Tops zum Trocknen auf, betrachtete dann die hellen Flecken unter den Ärmeln und stellte fest, dass sie sich aus lauter winzigweißen Kristallen zusammensetzten. Sie fand diese Kristalle, erstens, schön und begann dann zu überlegen, ob eine größere Menge Schweiß, zweitens, nicht größere Kristalle ergeben könnte. Sie wickelte ihren Körper vor dem Workout in Kunststofffolie ein und schabte sich anschließend den Schweiß von der Haut, das reichte nicht. Sie arbeitete mit Balletttänzern (schwitzen in ihre Schuhe) und Leichtathleten (schwitzen in ihre Trikots) zusammen, sie hatte bald eine ganze Schweiß-Destillerie am Laufen, das Sekret lagerte sie im Kühlschrank. Und wer das jetzt eklig findet: Schweiß riecht nicht. Er fängt erst dann an zu müffeln, wenn die chemischen Verfallsprozesse einsetzen. In einem gekühlten Reagenzglas aber ist er geruchlos.

Den Ex-Freund trägt sie um den Hals, gewissermaßen

Alice Potts entwickelte ein Verfahren, um große Mengen Schweiß zu kristallisieren. Sie tat das in ihrer Küche, weil es aus hygienischen Gründen untersagt war, Körperflüssigkeiten in die Schule "mitzubringen - was immer das bedeutet". Sie tat es, grob gesagt, indem sie den exakten Siedepunkt ermittelte, an dem überschüssige Flüssigkeit verdampfte, die Kristalle aber ihre Struktur behielten - und auf eine geeignete Oberfläche trafen, auf der sie sich niederschlagen konnten. Am Ende hatte sie eine etwa daumennagelgroße Struktur, scharfkantig, hart, transparent. "Diesen Kristall habe ich dann zum Testen in ein Labor gegeben. Die dachten erst, ich spinne."

An diesem Punkt der Geschichte muss man einfach fragen: Der rosa schimmernde Klunker, der da um ihren Hals hängt, ist das ...? "Ein Ex-Freund. Ich sollte ihn wahrscheinlich nicht mehr tragen, aber er ist so schön!" Und die Farbe? "Rotkohlsaft. Das Verrückte ist, dass er mit jedem Schweiß anders reagiert. Es gibt rosa und tiefrote Kristalle, in einem Fall war es auch mal Blau. Worauf ich jetzt noch warte, ist Gelb."

Als die Laborleute bei Alice Potts anriefen, waren sie aufgeregt. Nicht nur, dass der Kristall tatsächlich aus menschlichem Schweiß geronnen war, er war einem Fingerabdruck vergleichbar. In welcher Umgebung der Mensch lebte, wie er sich ernährte, ob Krankheiten vorlagen, all das hatten die Tester aus dem Kristall herausgelesen. Höchst erstaunlich war auch: Männlicher Schweiß ergab flache, weiblicher Schweiß eher spitze Kristalle. Die Vogue-Kritikerin Sarah Mower schrieb begeistert: "Einer der aufregendsten Durchbrüche bei der Lösung des Müllproblems in der Mode wird an dieser neuen Grenze zwischen Ästhetik und Biodesign stattfinden." Wie dieser Durchbruch genau aussehen wird, wer weiß. Alice Potts aber kann es nicht abwarten, dabei zu sein.

© SZ vom 15.02.2020/mkoh/vs
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